Väter und Söhne

 

Ein Vater gab sein Wissen früher weiter an den Sohn.
 Das Wissen lebte weiter in gelebter Tradition.
 Doch weil die Welt sich ändert, kommt es früher oder später
dazu dass Söhne viel mehr wissen als die alten Väter.
Das grämt die alten Väter sehr.
"Ach wenn es doch wie früher wär."
so denken sie im Stillen.
Jedoch die Zeit ist gegen sie und gegen ihren Willen.
Die Väter könnten sicher viel von ihren Söhnen lernen.
Dazu müssten sie falschen Stolz aus ihrem Geist entfernen.

Kürbistraum an Halloween

Kürbistraum an Halloween
*
Ein Kürbis lag träumend im Hafen.
Er wollte bei Vollmond dort schlafen.
Doch dann kam ein Geist
und schnipselte dreist
zwei Augen hinein in den Braven.

Hinter Scheiben aus Glas

Ich hätte nicht gedacht, diese Schuhe jemals wiederzusehen.
Aber da lagen sie. Vor mir in der Vitrine. Hinter Scheiben
aus Glas. Ich weiß nicht, wie sie in dieses Museum gekommen
sind. Aber es sind die Tanzschuhe von Mimi und noch genauso
schön wie damals, mit der besonderen Ausstrahlung, die sich
wohl von der Tänzerin auf die Schuhe übertragen hat.
Es war ein Abend im November und ich habe sie auf der Bühne 
des großen Hauses gesehen. Sie stand inmitten einer Gruppe
von Frauen, deren Anführerin sie war. Im stampfenden Rhythmus
der Trommeln, die im Hintergrund geschlagen wurden, rannten
die Tänzerinnen auf den Rand der Bühne zu und folgten den Anweisungen
ihrer Anführerin, die die Gruppe mit ihrem Körper mal in die eine,
mal in die andere Richtung zog, mal im Kreis um das Zentrum der
Bühne führte oder einen Impuls zu völlig freien und nicht vorhersagbaren
Bewegungen gab. Das war ein Stampfen und Drehen, ein Rollen über den Boden,
ein Springen in die Luft, dass der Bühnenraum sich füllte mit dieser
lebendigen, pulsierenden Energie, die sich auf den Zuschauerraum
übertrug, wo das Publikum mit den Füßen zu scharren begann.
Zunächst begannen einige, leise mit den Fingern zu schnipsen,
aber dann klatschten andere in die Hände oder stampften mit den
Füßen, weil sie sich von dem Bewegungsfluss der Frauen auf der
Bühne mitreißen ließen. Als der Vorhang fiel, gab es einen tosenden
Applaus. Die Tänzerinnen traten vor den Vorhang und verbeugten sich
mit vor Zufriedenheit strahlenden  Gesichtern.
All dies verbarg sich nun in diesen Schuhen hinter Glas.
Ich schob meine Brille höher auf die Nase und staunte. 

Kürbisliebe

Kürbisliebe
*
Ich bin nur eine Jalousie. Genauer gesagt, bin ich
DIE Jalousie vor der Küchenzeile in dem
Tagungsraum der Volkshochschule.
Seit einigen Tagen bin ich ganz aufgeregt, wenn ich auf 
den großen Tisch blicke, der in, früher mir angemessenem,
nun mir viel zu groß erscheinendem Abstand im Raum steht.
Warum? Weil auf diesem Tisch ein Kürbis liegt. 
Zuerst ist er mir gar nicht aufgefallen. Er war einfach nur
ein runder, dicker, gelber Ball, den jemand achtlos und
mit der Absicht, etwas Freundliches in diese öde Landschaft
zu pflanzen, auf den Tisch geknallt hatte.
Aber wie das Schicksal es wollte, hatte ein Besucher den
Kürbis durch eine ungeschickte Bewegung seines Ellbogens gedreht,
und ich konnte plötzlich in seine Augen sehen, die glanzerfüllt
im Lichte der in ihnen verborgenen Kerzen strahlten.
Da lief ein wonnevoll loderndes Feuer durch all meine Lamellen,
so dass ich zu zittern begann. Um genauer zu sein: ich begann
zu klappern und hatte mich nicht mehr unter Kontrolle, weshalb 
der Hausmeister einen Handwerker bestellte, der an mir herumzufummeln
begann. Er pfuschte an mir herum, zog mich hoch, ließ mich runter,
zog mich hoch, ließ mich runter und ölte mich, anstatt die
psychosomatische Ursache meines Gebrechens zu erforschen. 
Dies alles will ich dir mit diesem Brief erklären, mein lieber, 
dicker, runder Freund, in der Hoffnung, dass du meine Gefühle
nicht nur verstehen, sondern sogar erwidern kannst.
Aber es ist mir ein Rätsel, wie ich mich dir weiter nähern kann,
denn in diesem ständigen Auf und Ab, dem Hochgezogenwerden und 
Herabgelassensein, ist so gar nichts an Fortbewegung möglich.
Hast du eine Lösung für unser Problem?
Deine dich liebende J.
*
Da verwandelte sich der Kürbis in eine prachtvolle Kutsche,
befreite die Jalousie aus dem Laufrad ständiger Auf- und Niedergänge
und galoppierte mit ihr über die Prärie, einem wunderbaren Sonnenaufgang entgegen.

Mein Vater im Himmel sorgt sich nur um sich

Mein Vater im Himmel sorgt sich nur um sich.
Er liest grade in einem Buch.
Deshalb hat er auch keine Ohren für mich
und bannte mich mit einem Fluch.
Wie Kinder es ihren Vätern oft sind,
bin ich ihm nur lästig und gar nicht sein Kind.
Durch Zufall bin ich einst entstanden.
Ich fühl mich von ihm nicht verstanden.
Damit er sich endlich mal um mich bemüht,
zerstöre ich Wälder und Meere.
Ich kann nichts dafür, dass er (lesend) nicht sieht,
wie ich diese Erde zerstöre.
Er hat mich erschaffen
und gab mir die Waffen,
mit denen ich mache, was immer ich will.
Ich wüte und tobe. Die Erde hält still.
Hab ich mich am Ende erst selber zerstört,
schaut er sicher auf, weil er mal nach mir hört.

Ich bin nur eine dumme Kuh

Ich bin nur eine dumme Kuh
für dich. Du denkst dir, wenn ich mu-
he, muhe ich allein für mich.
Doch nein, ich muhe auch für dich.
Ich will, dass du mein Weinen hörst,
wenn du mich und mein Kälbchen störst.
Weil du mich meiner Milch beraubst,
darfst du mein Kälbchen, wie du glaubst,
ganz einfach von mir nehmen.
Du solltest dich was schämen!

Mein Euter, das ist voll und prall
wie bei den Kühen überall,
die in Maschinen eingesperrt
gemolken werden. So verkehrt
ist diese tierwohlferne Welt.
Ich klage, dass mir das missfällt
und wünsch mir, es gäb ein Gericht,
dass alle Menschen schuldig spricht,
die sich an meinem Milchfluss laben,
jedoch noch nie gesehen haben,
wie sehr ich täglich leiden muss
für stundenlangen Milcherguss.

Auch bitte ich noch ganz zum Schluss
um den Verzicht auf Fleischgenuss,
es sei denn aus dem Krankenhaus
trägt jemand eine Leiche raus.
Die schmeckt vielleicht genauso gut
wie Steaks, bezahlt mit Kälbchenblut.

 

Bei den flotten Hottentotten

In den glatten Kasematten 
bei den flotten Hottentotten,
wo sich Ratten zum Begatten 
sexuell zusammenrotten,
liegen lange, dünne Latten 
und auch blank polierte Platten,
wo im Schatten von Gemäuern
satte Ratten sich erneuern,
um sich stetig zu vermehren,
denn sie folgen dem Begehren
der Natur in ihren Genen,
ohne sich dafür zu schämen.
Sogar schamverklemmte Frauen
mit zunächst frustrierten Männern
lernen, der Natur zu trauen
und entwickeln sich zu Kennern
ihrer eingebauten Triebe
und jetzt machen alle Liebe.

 

Er war für mich unentbehrlich

Er war für mich unentbehrlich.
Ich vermisse ihn ganz ehrlich.
Tag für Tag war er bei mir
und ich danke ihm dafür.
Plötzlich ist er weggeblieben.
Kann er mich nicht länger lieben?
Hat er was an mir entdeckt,
was ihn ärgert und erschreckt?
Hat jemand ihn abgefangen?
Wie kann ich zu ihm gelangen?
Dieben biete ich die Stirn!
Komm zurück, mein Regenschirm!

Die Stille

Die Stille
- ein Abgrund, in den ich oft schaue.
Die Stille
- ein Raum, dem ich endlos vertraue.
Die Stille
- ein Tuch, das mich trostspendend wärmt.
Die Stille
- erfrischt mich, wenn ich mal verhärmt.
Die Stille
- ein Friede, den ich in der Seele
mir heimlich in einsamen Stunden gewebt.
Die Stille
- ist Kraft, die mich stärkend belebt.

 

Sie kaufte sich mal ein Regal

Sie kaufte sich mal ein Regal.
Das war aber etwas zu schmal.
Dann stellte sie etwas hinein.
Das Etwas war aber zu klein.
Sie machte das Kleine kurz Groß
und gab diesem dann einen Stoß.
Das nun große Etwas fiel tief,
weshalb es "Gerechtigkeit!" rief. 
Doch als die Gerechtigkeit kam,
überkam dieses Etwas die Scham.
Es errötete schnell und verließ
das Ikea-Regalparadies.