Wie Schreiben sich selbst entfaltet

Wie Schreiben sich selbst entfaltet
*
Das ist genau der Trick: Du musst 
nichts zu sagen haben, um etwas 
zu schreiben. Sobald du beginnst, 
fließen die Ideen zu dir und 
entfalten sich nach und nach. 
Denk nicht darüber nach, worüber 
du schreiben sollst – zerbrich 
dir nicht den Kopf. Bleibe im 
Schreibfluss und lass dich 
nicht aus der Ruhe bringen.
Sei gesammelt und konzentriert. 
Schreibe ein Wort nach dem 
anderen, so wie du beim 
Spazieren gehen einen Schritt 
nach dem anderen setzt. Indem 
du weitergehst, erkundest du 
die Welt in all ihrer Vielfalt.
Vertraue darauf: Die Ideen 
kommen beim Schreiben. Aber 
dafür musst du bereit sein, 
auch Unperfektes zuzulassen. 
Habe keine Angst davor, etwas 
zu schreiben, das anderen 
nicht gefällt. Sei sogar 
bereit, den größten Unsinn zu 
schreiben, den die Welt je 
gelesen hat. Denn genau darin 
liegt die Freiheit – aus der
großartige Fantasy und zarteste 
Poesie entstehen kann.

Bilder erzeugen

Bilder erzeugen
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Bilder werden vom Dichter 
erschaffen, gezeichnet auf die 
erwartungsvoll weiße Leinwand, 
die der Leser oder der Zuhörer 
vor seinem inneren Auge sieht.
Weiß wie eine schneebedeckte 
Landschaft oder ein mit Mehl 
bestäubter Tisch, so sieht 
diese Leinwand zunächst aus.
In diese weiße Fläche hinein 
zeichnet der Dichter Spuren, 
malt Zeichen, die vom Leser 
gedeutet und in Bilder 
übersetzt werden. Fußspuren 
im Schnee oder Handabdrücke 
im Mehl, das auf dem Tisch 
liegt. Damit der Dichter in 
die Fantasie des Lesers hinein 
zeichnen kann, muss er 
zunächst seinen eigenen Raum 
der Imagination erschaffen.
Er muss ein Energiefeld 
aufbauen, das sich wie ein 
Hologramm verhält und die 
Illusion einer Realität im 
Leser, im Zuhörer erzeugt.
Wenn der Leser die Worte 
liest, vollzieht sich in 
ihm, was sich zuvor im 
Dichter vollzogen hat. Die 
Worte speichern die Energie, 
die der Dichter erzeugt hat, 
als er den Text schrieb.
Sie speichern die Bilder, 
die er vor sich sah, als er 
die Hand über das Papier 
gleiten ließ. Ich erschaffe 
vor dem Schreiben zunächst 
ein Energiefeld, aus dem 
heraus sich die Worte
gestalten, die beschreiben, 
was ich sehe. Ich atme 
ruhig ein und aus, um das 
Feld aufzubauen und sehe 
vor mir: eine Rose, die 
sich in aufblühender 
Verwandlung enthüllt. Tau 
liegt auf ihren Blättern, 
die sich langsam und 
genussvoll der Sonne 
entgegen drehen. Indem ich 
diese Rose erschaffe, 
ermögliche ich es den 
Lesern, sie in ihrem Geist 
auch zu erschaffen. Die 
Bauanleitungen weichen bei 
jedem Menschen ein wenig ab.
Es gibt allgemeingültige 
und sehr persönliche 
Assoziationsketten, die bei 
der Erschaffung der 
bilderreichen Erfahrungen 
tätig werden. Darauf 
zugreifen zu können, ist das 
Geheimnis der Dichtkunst, 
welche die Menschen packt und 
in andere Welten zu führen 
vermag oder die alltägliche 
Welt in einem völlig neuen 
Licht erscheinen lässt.

Ein Sonett

Sonette zu schreiben scheint mir nicht sehr schwer,
darum schreibe ich ein Sonett hier am Meer.
Am glitzernden Wasser kommt mir die Idee:
Ich dichte das Wasser zu eiskaltem Schnee.

Schon schimmern die Silben: gleich elf an der Zahl.
Doch mir wird jetzt kalt und ich greife zum Schal.
Doch dabei entgleitet das rhythmische Maß.
Ein Eisblock entsteht, wo ich grade noch saß.

Nah bei meinem Herzen 
such' ich nun die Terzen.

Die Eisblumenzeilen: sie brechen entzwei.
Den Schneeflockentropfen entweicht ein Geschrei:
Wieso ist es so spät im Frühling noch kalt?

Wir hätten gern Urlaub im himmlischen Wald.
Uns bleibt keine Wahl, als im Licht zu erbleichen,
um heimlich und leise von dannen zu schleichen.

Seelenfunke

Ein Seelenfunke 
freut sich schon
auf seine 
Reinkarnation.

Ein Körper liegt 
bereits bereit
so wie ein frisches, 
neues Kleid.

Der Leib gefällt 
der Seele nicht,
weshalb sie heimlich 
zu sich spricht:

"Er ist zu breit 
und viel zu klein.
Ich glaub', ich lass' 
es lieber sein.
Die Auswahl ist nicht 
wirklich groß.
Deshalb schweb' ich 
in keinen Schoß,
um dort hinausgepresst 
zu werden
für einen Leidensweg 
auf Erden."

Und so verzichtete 
es weise
auf eine neue 
Körperreise.

Wohnungsnot

Wohnungsnot
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Er rannte schon die ganze Zeit
und war ein wenig atemlos, denn
er wollte der erste sein, der die
frei werdende Wohnung besichtigte.
Aber als er um die nächste Ecke bog,
war vor dem Haus schon eine lange
Schlange mit wartenden Menschen zu 
sehen. Er hatte von dieser Wohnung
geträumt und er wusste, dass er an
diesem Ort das ganz große Glück 
finden würde. Darum wäre es auch
einfach nicht richtig gewesen, am
Ende der Schlange zu warten. Er
kämpfte sich tollkühn nach vorn.
Den einen boxte er in die Rippen
und dem nächsten trat er mit der
Ferse seiner Stahlsohle auf die
Zehenspitzen in der Sandale, so
dass dieser aufschrie und zur 
Seite sprang. Dem Mann mit dem 
Hut schlug er seine Tasche um 
die Ohren und drückte ihn mit der
Schulter zur Seite. Die nächste
Bewerberin vor ihm war eine Frau
im roten Rock. Er löste ihren Gürtel
und riss den roten Stoff mit einem
Aufschrei nach unten, um weiter
nach vorne zu stürmen und den
nächsten Konkurrenten aus dem 
Weg zu räumen. 

Abserviert

Abserviert
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In der Traumstadt 
im "Hotel zum Gänsebraten"
muss man lange auf 
die heißen Speisen warten.
Hat man sie dem 
Regelwerk gemäß bestellt,
werden sie, gut duftend, 
auf den Tisch gestellt.
Bringt jedoch der 
Kellner Kurt das Essen,
kann man jede Aussicht 
auf Genuss vergessen.
Wenn er kommt, dann 
sind die Speisen kalt,
und sie werden lieblos 
auf den Tisch geknallt.
Wagt man es, sich 
deshalb zu beschweren,
muss man sich 
der Vorwürfe erwehren,
dass man asozial 
sei und Rassist,
weil er, Kurt, die 
Wertschätzung vermisst,
mit der man sich 
als ein Gast bewährt
und danach erst 
seine Gunst erfährt. 
Deshalb wird man 
nach dem Mahl gebeten,
dieses Haus nicht 
wieder zu betreten.

 

Narrenhände

Narrenhände
*
"Narrenhände beschmieren Tisch
und Wände!" So hieß der Spruch,
den meine Mutter mir immer um
die Ohren gehauen hat. Dabei
habe ich sehr fleißige Hände,
die alles Mögliche in Ordnung 
bringen können. Meine Hände
können zufassen und loslassen.
Sie können heranziehen und 
fortstoßen. Mit Händen kann
man Häuser bauen und Türme 
einreißen, Äpfel vom Baum
pflücken und Kuchen backen. 
Mit den Händen kann man sich 
am Ohr kratzen und die Nase 
putzen. Man kann Romane 
schreiben oder 
Beschwerdebriefe an den
Vermieter, wenn die Heizung 
mal wieder nicht geht. Hände
können Rhythmen klatschen und
auf die Trommel schlagen. 
Hände machen Spaß.


Intelligenztest

Intelligenztest
*
Aliens sind auf der Erde gelandet
und wollen die Menschheit vernichten,
es sei denn, sie finden  heraus, dass
die Menschen intelligent genug sind,
den Planeten zu retten. Jeder
Mensch bekommt einen Gegenstand und
muss herausfinden, welche 
Funktion er hat. Hier ist der Bericht
über den Gegenstand, den ich erhalten
habe:
Ich habe ein Objekt erhalten, um es
eingehend zu untersuchen. Es handelt 
sich dabei um eine kleine rote Platte,
die nach außen gewölbt ist. Innen
befindet sich ein Stachel und ein 
Haken. Ich habe die rote Fläche 
abgeleckt, aber dabei scheint nichts 
Außergewöhnliches zu passieren. Auch
wenn ich daran rieche oder hineinbeiße,
bemerke ich keine Reaktion. Halte ich 
die runde Fläche an mein linkes Ohr und
reibe sie hin und her, entsteht ein
kratzendes Geräusch, das mich neugierig
gemacht hat. Darum habe ich den Haken 
mit der Öse an der Innenseite meines 
Ohres befestigt. Plötzlich war ich in
der Lage, eine fremde Sprache zu hören.
Das rote Ding scheint ein Empfänger zu 
sein und übersetzt die empfangenen 
Signale in Worte. Aber offenbar werden
die Signale, die von den Aliens kommen,
in eine Sprache übersetzt, die ich nicht 
verstehen kann, denn sonst würde ich ja
etwas verstehen. Was aber nicht der Fall
ist. Ich verstehe nur Bahnhof. Darum 
möchte ich die Aliens um eine Aufgabe 
bitten, die ich lösen kann, um die 
Menschheit zu retten. In welcher Sprache 
ich die Bitte äußern kann, weiß ich aber
nicht. 

Boshafte Berta

Boshafte Berta
*
Schon in Kindertagen entpuppte 
sich Berta als boshafte Teufelin. 
Sie quälte ihre Spielgefährten
und traktierte in der Schule im
Handarbeitsunterricht die
anderen Kinder mit Stricknadeln,
die sie zuvor an Kerzen erhitzt
hatte. Mitten im dritten 
Schuljahr wurde sie der Schule
verwiesen und bekam ab da 
Unterricht bei einem Hauslehrer,
der mit strenger Hand versuchte,
das bösartige Kind zu bändigen.
Der Versuch scheiterte, weil Herr
Schlaumeier nach drei Monaten
weinend das Haus verließ und sich
schwor, es nie wieder zu betreten.
Erst als Anna Montessori in 
Bertas Leben trat, wendete sich 
das Blatt. Anna, eine ehemalige 
Waldorfschülerin, hatte an der 
Mahatma-Gandhi-Universität in 
Göttingen "Angewandte Empathie" 
studiert. Ihre Doktorarbeit 
über "Psychische Deformationen 
amerikanischer Präsidenten" 
ermöglichte es ihr, sich 
gedanklich und emotional in 
problematische 
Persönlichkeiten hineinzufühlen.

Anna bemerkte die stillen 
Tränen in Bertas Augenwinkeln 
und die versteiften Schultern, 
wenn bestimmte Themen zur 
Sprache kamen. Stück für Stück 
erkannte sie die traumatischen 
Erfahrungen, die Bertas 
auffälliges Verhalten bedingten. 
Sobald dieser Knoten gelöst war, 
blühte Berta auf und verwandelte 
sich in ein intelligentes, 
wissbegieriges Kind.
Anna bereitete sie darauf vor, 
das Abitur an einer staatlichen 
Schule abzulegen, und später 
promovierte Berta als jüngste 
Studentin an der Universität 
Hohenheim in den Fächern 
Psychologie, Philosophie und 
Informatik. In späteren Jahren 
wurde Berta für ihre 
bahnbrechenden Bücher über 
"Die Entstehung psychischer 
Erkrankungen von Männern in 
gehobenen Positionen" mit 
dem Friedenspreis des 
Deutschen Buchhandels 
ausgezeichnet. Ihre Werke 
führten zu einer Revolution, 
bei der schließlich nur 
noch Frauen in 
Regierungsämter gewählt 
wurden.