Freundlichkeit hat nichts mit
Selbstlosigkeit zu tun. Wer
wohlwollend mit anderen
Menschen umgeht, handelt nicht
uneigennützig und opfert sich
nicht auf. Im Gegenteil: Man
erzeugt unangenehme
Gefühlszustände für sich selbst,
wenn man es nicht tut. Heute war
ich bei Fielmann. Der Optiker,
der mich professionell beriet,
sagte abschließend, dass er
noch eine Inspektion meiner
Brille durchführen würde. Er
verschwand, und ich wartete.
Lange. Mit der Zeit wurde ich
ungeduldig und ärgerlich. „Ist
er jetzt Kaffee trinken
gegangen?“, dachte ich. „So
lange kann es doch nicht
dauern, eine Brille zu putzen!“
Ich war kurz davor, mich zu
beschweren, als er zurückkam
– mit meiner Brille in der
Hand. Doch er hatte nicht nur
die Gläser gereinigt: Er hatte
neue Nasenstege angebracht,
die Brille geradegebogen und
die metallenen Bügel,
auf die ich allergisch
reagierte, mit einem
Kunststoffschutz versehen.
Meine voreiligen Annahmen und
falschen Erwartungen hatten
Ärger und Unzufriedenheit in
mir ausgelöst – völlig
unbegründet. So ergeht es
vielen Menschen. Sie erzeugen
ihre schlechte Laune oft
selbst – durch
Fehleinschätzungen und
voreilige Urteile – und
machen sich damit unnötig
das Leben schwer.
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