Monatsarchive: März 2025
Scherenschnitt
Sich fokussieren
Ich meditiere und versuche,
meine Aufmerksamkeit an einem
Punkt zu halten, mich nicht
forttragen zu lassen von den
Bildern, Gedanken und Gefühlen
in meinem Geist oder den
lärmenden Ablenkungen in
meiner Umgebung. Bellende Hunde,
das pneumatische Keuchen der
Busse, das Keckern der streitenden
Elstern - all das ringt um meine
Aufmerksamkeit. Denn Aufmerksamkeit
ist Energie. Sie ist lebensnotwendig,
um zu überleben. Kinder, die keine
Aufmerksamkeit bekommen, verwelken
wie herbstliches Laub, das nicht
mehr vom Baum ernährt wird. Auch
in meinem Geist gibt es hungrige
Elemente, die um Beachtung buhlen:
der Zorn auf X, meine Liebe zu Y,
meine Sucht nach Z. Sie alle wollen
genährt werden. Und ich stehe vor der
Entscheidung: Füttere ich den Zorn,
die Liebe oder die Sucht.
Oder trete ich zurück, lasse los
und tauche ein in den träumenden
Urgrund?
Die Verlockung ist groß - als könnte
ich meine Fühler, diese tastenden
schmetterlingsgleichen Ausstülpungen,
mit denen ich die Düfte der
materiellen Welt schmecke,
zurückziehen in die unendliche Weite
des inneren Raumes, aus dem alles
geboren wird.
Doch noch fordert die materielle
Welt ihren Tribut. Ich muss
arbeiten, um Wohnung, Essen und
Kleidung zu bezahlen. Sie zieht
mich zurück in die Wirklichkeit.
Aber morgen werde ich wieder auf
meinem Leuchtturm sitzen. Und mich
in dem verankern, was darüber
hinausreicht.
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Wie Schreiben sich selbst entfaltet
Wie Schreiben sich selbst entfaltet * Das ist genau der Trick: Du musst nichts zu sagen haben, um etwas zu schreiben. Sobald du beginnst, fließen die Ideen zu dir und entfalten sich nach und nach. Denk nicht darüber nach, worüber du schreiben sollst – zerbrich dir nicht den Kopf. Bleibe im Schreibfluss und lass dich nicht aus der Ruhe bringen. Sei gesammelt und konzentriert. Schreibe ein Wort nach dem anderen, so wie du beim Spazieren gehen einen Schritt nach dem anderen setzt. Indem du weitergehst, erkundest du die Welt in all ihrer Vielfalt. Vertraue darauf: Die Ideen kommen beim Schreiben. Aber dafür musst du bereit sein, auch Unperfektes zuzulassen. Habe keine Angst davor, etwas zu schreiben, das anderen nicht gefällt. Sei sogar bereit, den größten Unsinn zu schreiben, den die Welt je gelesen hat. Denn genau darin liegt die Freiheit – aus der großartige Fantasy und zarteste Poesie entstehen kann. |
Bilder erzeugen
Bilder erzeugen
*
Bilder werden vom Dichter
erschaffen, gezeichnet auf die
erwartungsvoll weiße Leinwand,
die der Leser oder der Zuhörer
vor seinem inneren Auge sieht.
Weiß wie eine schneebedeckte
Landschaft oder ein mit Mehl
bestäubter Tisch, so sieht
diese Leinwand zunächst aus.
In diese weiße Fläche hinein
zeichnet der Dichter Spuren,
malt Zeichen, die vom Leser
gedeutet und in Bilder
übersetzt werden. Fußspuren
im Schnee oder Handabdrücke
im Mehl, das auf dem Tisch
liegt. Damit der Dichter in
die Fantasie des Lesers hinein
zeichnen kann, muss er
zunächst seinen eigenen Raum
der Imagination erschaffen.
Er muss ein Energiefeld
aufbauen, das sich wie ein
Hologramm verhält und die
Illusion einer Realität im
Leser, im Zuhörer erzeugt.
Wenn der Leser die Worte
liest, vollzieht sich in
ihm, was sich zuvor im
Dichter vollzogen hat. Die
Worte speichern die Energie,
die der Dichter erzeugt hat,
als er den Text schrieb.
Sie speichern die Bilder,
die er vor sich sah, als er
die Hand über das Papier
gleiten ließ. Ich erschaffe
vor dem Schreiben zunächst
ein Energiefeld, aus dem
heraus sich die Worte
gestalten, die beschreiben,
was ich sehe. Ich atme
ruhig ein und aus, um das
Feld aufzubauen und sehe
vor mir: eine Rose, die
sich in aufblühender
Verwandlung enthüllt. Tau
liegt auf ihren Blättern,
die sich langsam und
genussvoll der Sonne
entgegen drehen. Indem ich
diese Rose erschaffe,
ermögliche ich es den
Lesern, sie in ihrem Geist
auch zu erschaffen. Die
Bauanleitungen weichen bei
jedem Menschen ein wenig ab.
Es gibt allgemeingültige
und sehr persönliche
Assoziationsketten, die bei
der Erschaffung der
bilderreichen Erfahrungen
tätig werden. Darauf
zugreifen zu können, ist das
Geheimnis der Dichtkunst,
welche die Menschen packt und
in andere Welten zu führen
vermag oder die alltägliche
Welt in einem völlig neuen
Licht erscheinen lässt.
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Ein Sonett
Sonette zu schreiben scheint mir nicht sehr schwer, darum schreibe ich ein Sonett hier am Meer. Am glitzernden Wasser kommt mir die Idee: Ich dichte das Wasser zu eiskaltem Schnee. Schon schimmern die Silben: gleich elf an der Zahl. Doch mir wird jetzt kalt und ich greife zum Schal. Doch dabei entgleitet das rhythmische Maß. Ein Eisblock entsteht, wo ich grade noch saß. Nah bei meinem Herzen such' ich nun die Terzen. Die Eisblumenzeilen: sie brechen entzwei. Den Schneeflockentropfen entweicht ein Geschrei: Wieso ist es so spät im Frühling noch kalt? Wir hätten gern Urlaub im himmlischen Wald. Uns bleibt keine Wahl, als im Licht zu erbleichen, um heimlich und leise von dannen zu schleichen. |
Freundlichkeit und Missverständnis
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