Pechvogel

Pechvogel
*
Er lebte in einer Mülltonne unter 
der Brücke – seit dem Tag, an dem 
ihn seine Freundin vor die Tür 
gesetzt hatte. Freunde hatte er 
keine mehr. Er war ein missmutiger 
Zeitgenosse, unfähig, mit anderen 
in Frieden zu leben. Immer hatte 
er an allem etwas auszusetzen, 
und so ließ sich leicht 
nachvollziehen, dass er in seinen 
58 Lebensjahren bereits 23 
Wohnungen bewohnt hatte – oder 
waren es nur 21? Genau wusste er 
es nicht mehr. Als seine Eltern 
ihn vor die Tür setzten, weil er 
ständig über das Essen nörgelte, 
nahm ihn seine Großmutter 
vorübergehend auf. Doch auch 
sie entzog ihm bald den 
Haustürschlüssel – er konnte es 
nicht lassen, ihre Wohnung nach 
seinen Vorstellungen umzuräumen.
Im Wohnheim für junge Männer 
hielt er es nicht lange aus. 
Die Gemeinschaftsküche war 
eine Zumutung, und seine 
Mitbewohner weigerten sich 
standhaft, seinen strengen 
Reinigungsanweisungen Folge zu 
leisten. Eine Freundin, bei 
der er sich einquartiert hatte, 
warf ihn wütend hinaus, als er 
begann, sich an ihrer 
Haushaltskasse zu bedienen. Nun 
saß er also unter der zugigen 
Brücke, vor seiner leeren 
Mülltonne, wie ein moderner 
Diogenes – und grübelte. Was 
war in seinem Leben bloß 
schiefgelaufen? Was hatten 
all diese Leute nur falsch 
gemacht? fragte er sich.


 

Scherenschnitt

Scherenschnitt
* 
Ein Gedicht, scharf 
ausgeschnitten
aus geschöpftem, 
feinem Bütten-
papier,
das mir
ein wirklich guter 
Freund geschenkt,
freut sich, dass es 
am Fenster hängt.

Es sieht aus wie 
ein Scherenschnitt,
in dem ein Freund 
den and'ren tritt.
Dabei war es 
nicht so gemeint,
wie es auf dem 
Papier erscheint.

Wer sich im Scherz 
am Freund versündigt,
dem wird die Freundschaft 
bald gekündigt.
Kunst darf gewiss 
nicht alles machen,
damit die Leser 
schallend lachen.

Darum seid achtsam, 
wenn ihr dichtet,
damit ihr niemanden 
vernichtet,
im Glauben, Scherzen 
sei erlaubt.
Denn schneller, als ihr 
es jetzt glaubt,
lebt, was in diese 
Welt gegeben,
auch ungewollt: 
ein Eigenleben.

Vielleicht gäbe es 
dies Gedicht
deshalb womöglich 
besser nicht.

Die neue Freude

Die neue Freude
*
Eine neue Freude 
klopfte an meine Tür. 
Als ich sie einließ, 
stürmten ein Engel 
und ein Teufel herbei.
Der eine rief: „Es ist eine Gnade!“, der andere warnte: „Es ist eine Sünde!“
Doch wer was gesagt hat, das weiß ich nicht. *

Sich fokussieren

Ich meditiere und versuche,
meine Aufmerksamkeit an einem
Punkt zu halten, mich nicht
forttragen zu lassen von den
Bildern, Gedanken und Gefühlen 
in meinem Geist oder den
lärmenden Ablenkungen in
meiner Umgebung. Bellende Hunde,
das pneumatische Keuchen der 
Busse, das Keckern der streitenden
Elstern - all das ringt um meine 
Aufmerksamkeit. Denn Aufmerksamkeit 
ist Energie. Sie ist lebensnotwendig, 
um zu überleben. Kinder, die keine
Aufmerksamkeit bekommen, verwelken
wie herbstliches Laub, das nicht
mehr vom Baum ernährt wird. Auch
in meinem Geist gibt es hungrige
Elemente, die um Beachtung buhlen: 
der Zorn auf X, meine Liebe zu Y, 
meine Sucht nach Z. Sie alle wollen
genährt werden. Und ich stehe vor der
Entscheidung: Füttere ich den Zorn,
die Liebe oder die Sucht.
Oder trete ich zurück, lasse los
und tauche ein in den träumenden
Urgrund?
Die Verlockung ist groß - als könnte
ich meine Fühler, diese tastenden 
schmetterlingsgleichen Ausstülpungen, 
mit denen ich die Düfte der 
materiellen Welt schmecke, 
zurückziehen in die unendliche Weite 
des inneren Raumes, aus dem alles 
geboren wird.
Doch noch fordert die materielle
Welt ihren Tribut. Ich muss
arbeiten, um Wohnung, Essen und
Kleidung zu bezahlen. Sie zieht
mich zurück in die Wirklichkeit.
Aber morgen werde ich wieder auf
meinem Leuchtturm sitzen. Und mich
in dem verankern, was darüber
hinausreicht.

Wie Schreiben sich selbst entfaltet

Wie Schreiben sich selbst entfaltet
*
Das ist genau der Trick: Du musst 
nichts zu sagen haben, um etwas 
zu schreiben. Sobald du beginnst, 
fließen die Ideen zu dir und 
entfalten sich nach und nach. 
Denk nicht darüber nach, worüber 
du schreiben sollst – zerbrich 
dir nicht den Kopf. Bleibe im 
Schreibfluss und lass dich 
nicht aus der Ruhe bringen.
Sei gesammelt und konzentriert. 
Schreibe ein Wort nach dem 
anderen, so wie du beim 
Spazieren gehen einen Schritt 
nach dem anderen setzt. Indem 
du weitergehst, erkundest du 
die Welt in all ihrer Vielfalt.
Vertraue darauf: Die Ideen 
kommen beim Schreiben. Aber 
dafür musst du bereit sein, 
auch Unperfektes zuzulassen. 
Habe keine Angst davor, etwas 
zu schreiben, das anderen 
nicht gefällt. Sei sogar 
bereit, den größten Unsinn zu 
schreiben, den die Welt je 
gelesen hat. Denn genau darin 
liegt die Freiheit – aus der
großartige Fantasy und zarteste 
Poesie entstehen kann.

Bilder erzeugen

Bilder erzeugen
*
Bilder werden vom Dichter 
erschaffen, gezeichnet auf die 
erwartungsvoll weiße Leinwand, 
die der Leser oder der Zuhörer 
vor seinem inneren Auge sieht.
Weiß wie eine schneebedeckte 
Landschaft oder ein mit Mehl 
bestäubter Tisch, so sieht 
diese Leinwand zunächst aus.
In diese weiße Fläche hinein 
zeichnet der Dichter Spuren, 
malt Zeichen, die vom Leser 
gedeutet und in Bilder 
übersetzt werden. Fußspuren 
im Schnee oder Handabdrücke 
im Mehl, das auf dem Tisch 
liegt. Damit der Dichter in 
die Fantasie des Lesers hinein 
zeichnen kann, muss er 
zunächst seinen eigenen Raum 
der Imagination erschaffen.
Er muss ein Energiefeld 
aufbauen, das sich wie ein 
Hologramm verhält und die 
Illusion einer Realität im 
Leser, im Zuhörer erzeugt.
Wenn der Leser die Worte 
liest, vollzieht sich in 
ihm, was sich zuvor im 
Dichter vollzogen hat. Die 
Worte speichern die Energie, 
die der Dichter erzeugt hat, 
als er den Text schrieb.
Sie speichern die Bilder, 
die er vor sich sah, als er 
die Hand über das Papier 
gleiten ließ. Ich erschaffe 
vor dem Schreiben zunächst 
ein Energiefeld, aus dem 
heraus sich die Worte
gestalten, die beschreiben, 
was ich sehe. Ich atme 
ruhig ein und aus, um das 
Feld aufzubauen und sehe 
vor mir: eine Rose, die 
sich in aufblühender 
Verwandlung enthüllt. Tau 
liegt auf ihren Blättern, 
die sich langsam und 
genussvoll der Sonne 
entgegen drehen. Indem ich 
diese Rose erschaffe, 
ermögliche ich es den 
Lesern, sie in ihrem Geist 
auch zu erschaffen. Die 
Bauanleitungen weichen bei 
jedem Menschen ein wenig ab.
Es gibt allgemeingültige 
und sehr persönliche 
Assoziationsketten, die bei 
der Erschaffung der 
bilderreichen Erfahrungen 
tätig werden. Darauf 
zugreifen zu können, ist das 
Geheimnis der Dichtkunst, 
welche die Menschen packt und 
in andere Welten zu führen 
vermag oder die alltägliche 
Welt in einem völlig neuen 
Licht erscheinen lässt.

Ein Sonett

Sonette zu schreiben scheint mir nicht sehr schwer,
darum schreibe ich ein Sonett hier am Meer.
Am glitzernden Wasser kommt mir die Idee:
Ich dichte das Wasser zu eiskaltem Schnee.

Schon schimmern die Silben: gleich elf an der Zahl.
Doch mir wird jetzt kalt und ich greife zum Schal.
Doch dabei entgleitet das rhythmische Maß.
Ein Eisblock entsteht, wo ich grade noch saß.

Nah bei meinem Herzen 
such' ich nun die Terzen.

Die Eisblumenzeilen: sie brechen entzwei.
Den Schneeflockentropfen entweicht ein Geschrei:
Wieso ist es so spät im Frühling noch kalt?

Wir hätten gern Urlaub im himmlischen Wald.
Uns bleibt keine Wahl, als im Licht zu erbleichen,
um heimlich und leise von dannen zu schleichen.

Freundlichkeit und Missverständnis

Freundlichkeit hat nichts mit 
Selbstlosigkeit zu tun. Wer 
wohlwollend mit anderen 
Menschen umgeht, handelt nicht 
uneigennützig und opfert sich 
nicht auf. Im Gegenteil: Man 
erzeugt unangenehme 
Gefühlszustände für sich selbst, 
wenn man es nicht tut. Heute war 
ich bei Fielmann. Der Optiker, 
der mich professionell beriet, 
sagte abschließend, dass er 
noch eine Inspektion meiner 
Brille durchführen würde. Er 
verschwand, und ich wartete. 
Lange. Mit der Zeit wurde ich 
ungeduldig und ärgerlich. „Ist 
er jetzt Kaffee trinken 
gegangen?“, dachte ich. „So 
lange kann es doch nicht 
dauern, eine Brille zu putzen!“
Ich war kurz davor, mich zu 
beschweren, als er zurückkam 
– mit meiner Brille in der 
Hand. Doch er hatte nicht nur 
die Gläser gereinigt: Er hatte 
neue Nasenstege angebracht, 
die Brille geradegebogen und 
die metallenen Bügel, 
auf die ich allergisch 
reagierte, mit einem 
Kunststoffschutz versehen. 
Meine voreiligen Annahmen und 
falschen Erwartungen hatten 
Ärger und Unzufriedenheit in 
mir ausgelöst – völlig 
unbegründet. So ergeht es 
vielen Menschen. Sie erzeugen 
ihre schlechte Laune oft 
selbst – durch 
Fehleinschätzungen und 
voreilige Urteile – und 
machen sich damit unnötig 
das Leben schwer.

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Im Schloßturm
*
Egon Sander saß mit Pero im Café 
des Schlossturms, seine Finger 
trommelten unaufhörlich auf den 
Tisch. Draußen zog der Rhein 
träge vorbei, doch in seinem 
Inneren brodelte Unruhe. "Der 
geologische Dienst in NRW hat 
wieder verstärkte seismische 
Aktivitäten registriert", sagte 
er schließlich und rührte 
gedankenverloren in seinem 
Kaffee. "Es könnte sein, dass 
es auch hier in Düsseldorf 
wieder bebt." Pero lehnte sich 
zurück, zog eine Augenbraue 
hoch. "Bemerken wir das 
überhaupt?" Egon schüttelte 
den Kopf. "Noch nicht. Aber 
wenn deine Theorie stimmt, 
sollten wir mehr Steine in 
der Stadt verteilen. Mehr 
Gewicht könnte helfen." Pero 
lachte leise. "Dann werden 
die Elefanten wohl ihren Job 
tun." Er nahm einen Schluck 
von seinem Espresso. "Die 
Skulpturen sollen am 
Palmsonntag enthüllt werden. 
Die Gute-Laune-in-Düsseldorf-
Stiftung organisiert dazu 
Führungen durch die 
U-Bahn-Tunnel, von Bilk 
bis Wehrhahn." Egon nickte, 
war aber noch nicht überzeugt. 
"Und die Sprengsätze?" 
fragte er leise. "Alle Zünder 
wurden entfernt. Selbst wenn 
jemand ein Streichholz 
dranhalten würde – nichts 
würde passieren." Egon 
entspannte sich ein wenig. 
Draußen zog ein Frachtschiff 
vorbei, seine Wellen 
schlugen gegen das Ufer. 
"Dann könnten wir uns mit 
Helena einer Führung 
anschließen und sehen, 
wie alles läuft."

 

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Beobachtungen
*
Pero und Egon Sander beobachteten 
die Menschen in der Stadt. Sie 
reagierten interessiert auf die 
überall auftauchenden Steine, 
und die Elefanten in den 
U-Bahnstationen waren das 
Gesprächsthema. Es schien in 
Mode zu kommen, etwas mit Steinen 
zu machen. In einem 
sonnendurchfluteten Kindergarten 
bauten Kinder mit leuchtenden 
Augen Türme und kleine 
Steinmauern, während ihre 
Erzieherin, mit einem 
verschmitzten Lächeln, winzige 
Kiesel auf die Zungen der Spielenden 
legte, die so den S-Laut übten, 
ohne zu lispeln. Auch die in der 
ganzen Stadt verteilten 
Gib-und-Nimm-Kisten schienen 
ein neues Kapitel aufzuschlagen: 
Zwischen alten Alltagsgegenständen 
blitzten Bernstein, Lapis Lazuli, 
Citrin und weitere Heilsteine 
hervor wie kostbare, längst 
vergessene Schätze. In den offenen 
Bücherschränken entdeckte man 
unerwartet Werke über die 
die Energie der Steine, so wie 
„Die Heilkraft der Felsen“ oder 
„The Crystal Bible“ von Judy Hall 
– Titel, die neugierig machten und 
leise Geschichten von längst 
vergangenen Zeiten erzählten.
Am Rande dieser Faszination 
warfen Rott und Kläff amüsiert 
skeptische Blicke über die Schulter. 
Ihre leisen Spötteleien machten 
deutlich, dass sie in diesem 
neuen Trend keinen Wert sahen 
– vor allem, weil damit 
scheinbar kein Geld zu verdienen 
war. Nahebei, fast unsichtbar 
im Schatten, lauschte Nork. Er 
nahm jedes Wort in sich auf, 
als auch Arbeiter in ruhiger 
Routine die letzten, imposanten 
Elefanten an der U-Bahnstation 
Bilk S befestigten. Zwischen 
dem harten Klang der Werkzeuge 
und dem leisen Dröhnen der 
Maschinen mischten sich die 
rauen Stimmen der Arbeiter:
— „Können die Dinger nicht 
losgehen? Das ist doch immerhin 
Dynamit.“ — „Werden sie nicht,“ 
entgegnete einer trocken, 
„sie haben ja keine Zünder.“
— „Und wenn ein Brand ausbricht?“
Ein tiefes, ironisches Schnauben 
folgte. „Dann müsste es schon ein 
Erdbeben geben.“ Nork, der sich 
mit Bränden auskannte, 
schmunzelte. Er hatte schon welche 
gelegt.