Pechvogel
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Er lebte in einer Mülltonne unter
der Brücke – seit dem Tag, an dem
ihn seine Freundin vor die Tür
gesetzt hatte. Freunde hatte er
keine mehr. Er war ein missmutiger
Zeitgenosse, unfähig, mit anderen
in Frieden zu leben. Immer hatte
er an allem etwas auszusetzen,
und so ließ sich leicht
nachvollziehen, dass er in seinen
58 Lebensjahren bereits 23
Wohnungen bewohnt hatte – oder
waren es nur 21? Genau wusste er
es nicht mehr. Als seine Eltern
ihn vor die Tür setzten, weil er
ständig über das Essen nörgelte,
nahm ihn seine Großmutter
vorübergehend auf. Doch auch
sie entzog ihm bald den
Haustürschlüssel – er konnte es
nicht lassen, ihre Wohnung nach
seinen Vorstellungen umzuräumen.
Im Wohnheim für junge Männer
hielt er es nicht lange aus.
Die Gemeinschaftsküche war
eine Zumutung, und seine
Mitbewohner weigerten sich
standhaft, seinen strengen
Reinigungsanweisungen Folge zu
leisten. Eine Freundin, bei
der er sich einquartiert hatte,
warf ihn wütend hinaus, als er
begann, sich an ihrer
Haushaltskasse zu bedienen. Nun
saß er also unter der zugigen
Brücke, vor seiner leeren
Mülltonne, wie ein moderner
Diogenes – und grübelte. Was
war in seinem Leben bloß
schiefgelaufen? Was hatten
all diese Leute nur falsch
gemacht? fragte er sich.
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