Pechvogel

Pechvogel
*
Er lebte in einer Mülltonne unter 
der Brücke – seit dem Tag, an dem 
ihn seine Freundin vor die Tür 
gesetzt hatte. Freunde hatte er 
keine mehr. Er war ein missmutiger 
Zeitgenosse, unfähig, mit anderen 
in Frieden zu leben. Immer hatte 
er an allem etwas auszusetzen, 
und so ließ sich leicht 
nachvollziehen, dass er in seinen 
58 Lebensjahren bereits 23 
Wohnungen bewohnt hatte – oder 
waren es nur 21? Genau wusste er 
es nicht mehr. Als seine Eltern 
ihn vor die Tür setzten, weil er 
ständig über das Essen nörgelte, 
nahm ihn seine Großmutter 
vorübergehend auf. Doch auch 
sie entzog ihm bald den 
Haustürschlüssel – er konnte es 
nicht lassen, ihre Wohnung nach 
seinen Vorstellungen umzuräumen.
Im Wohnheim für junge Männer 
hielt er es nicht lange aus. 
Die Gemeinschaftsküche war 
eine Zumutung, und seine 
Mitbewohner weigerten sich 
standhaft, seinen strengen 
Reinigungsanweisungen Folge zu 
leisten. Eine Freundin, bei 
der er sich einquartiert hatte, 
warf ihn wütend hinaus, als er 
begann, sich an ihrer 
Haushaltskasse zu bedienen. Nun 
saß er also unter der zugigen 
Brücke, vor seiner leeren 
Mülltonne, wie ein moderner 
Diogenes – und grübelte. Was 
war in seinem Leben bloß 
schiefgelaufen? Was hatten 
all diese Leute nur falsch 
gemacht? fragte er sich.


 

Veröffentlicht in Blitzlinge.