Das instinktive Bewusstsein

Das instinktive 
Bewusstsein
*
Atmen. Pulsieren.
Ich will überleben.
Die Urkraft, die mir
diesen Körper gegeben,
versah ihn mit 
außergewöhnlichen 
Kräften,
gespeichert in Nerven 
und magischen Säften.
Bewusstsein ist schwach, 
kann den Raum 
kaum erhellen.
Es muss sich vertrauend 
der Aufgabe stellen,
das winzige Licht auf 
dem Weg zu erweitern
durch Wagnis, Gewinnen 
und mutiges Scheitern.
*
Das instinktive 
Bewusstsein 
dient dem Überleben. 
Nahrung, Schutz 
und Sicherheit stehen 
im Mittelpunkt.
 Der Körper handelt 
weitgehend automatisch 
und reagiert unmittelbar 
auf Gefahren. Erst wenn 
die Grundbedürfnisse 
gesichert sind, 
entsteht Raum für 
die Entwicklung 
weiterer 
Bewusstseinsformen. 

Die Stimmen des Bewusstseins

Die Stimmen 
des Bewusstseins
*
Das Bewusstsein ist immer 
in Veränderung begriffen.
Es gleicht am Anfang einer 
Streichholzflamme, 
die kurz aufleuchtet
und den zuvor dunklen 
Raum sichtbar macht.
Später kann es 
zu dem Lichtkegel 
eines Scheinwerfers werden,
der Teile der Bühne 
in die Aufmerksamkeit nimmt.
Es kann wie 
die Strahlen der Sonne 
einen ganzen Planeten 
fürsorglich erwärmen
oder vernichten.
 *
Die folgenden Gedichte 
beschreiben verschiedene 
Formen menschlichen 
Bewusstseins. Sie 
verstehen sich nicht 
als wissenschaftliches Modell, 
sondern als poetische 
Annäherung. Jeder 
Bewusstseinszustand 
besitzt seine 
eigene Weisheit und 
seine 
eigenen Grenzen.

 

Schnellschussgewehr

Schnellschussgewehr
*
Wer sich nicht wehrt,
handelt verkehrt.
Doch wer sich 
angegriffen fühlt,
gehört erst einmal 
abgekühlt,
denn mancher 
übereilte Schuss
erzeugt unnötigen 
Verdruss.
So ist schon mancher 
Streit entstanden,
weil wir uns 
unverstanden fanden.

Lebensrhythmen

Lebensrhythmen
*
Alles im Leben 
entsteht und vergeht.
Was immer auch wächst, 
wird vom Winde verweht.
Aus Samen, aus Wurzeln 
entsteht Frucht und Blüte
durch die der Natur 
innewohnende Güte.

So reift Jahr um Jahr 
zu der Fülle des Lebens.
Am Ende wird sichtbar: 
Es war nicht vergebens!
Das Muster des Teppichs, 
den wir so gewebt,
erscheint erst am Ende, 
wo man es versteht.

Die Zukunft gestalten

Die Zukunft gestalten
*
Als die Vergangenheit 
Gegenwart war,
erschien sie mir wirklich 
und vollkommen klar.
Von heute betrachtet, 
wirkt sie wie ein Traum,
und ich bin erstaunt, 
ihn von hier anzuschau'n.

Was damals noch Zukunft hieß, 
wurde mein Leben.
Ein Traum nahm Gestalt an 
durch geistiges Streben.
Was Wirklichkeit wurde 
durchs Wirken der Zeit
lag erst in den Träumen 
als Samen bereit. 
*

Lob der Stille

Lob der Stille
*
Auf die Stille 
hören lernen,
weil sie leise 
zu uns spricht.
Durch den Lärm 
und das Getöse
hört man ihre 
Stimme nicht.

Apparate, 
die uns sagen,
dies zu lassen, 
das zu wagen,
die den Puls, 
den Blutdruck messen,
damit wir 
niemals vergessen,
dass wir ihre 
Diener sind,
unselbständig 
schon als Kind.

Freiheit finden 
in der Stille.
Dies zu lehren, 
ist mein Wille.
Doch es hört 
niemand auf mich.
Welch ein Fehler, 
sicherlich.

Spontaneität

Spontaneität
*
Er wich zurück.
Er trat hervor.
Er hielt 
das Smartphone 
an sein Ohr.

Er sprach 
fast unhörbar 
hinein,
sprach Worte, 
herzlos und gemein.

Er trat hervor.
Er wich zurück,
zerstörte 
unbedacht 
sein Glück.
Spontan zu sein 
-authentisch, echt-
erweist sich manchmal 
doch als schlecht.

Selbstverlust

Selbstverlust
*
Nach innen hören, 
fällt mir schwer.
Mir scheint, von dort 
kommt gar nichts mehr.
Kann es auch sein, 
dass man vergisst,
wo eigentlich 
das Innen ist?

Von außen kommt 
so viel Klimbim,
der laut und 
ohne tiefen Sinn
mir täglich in 
die Ohren plärrt,
was richtig ist 
und was verkehrt,
bis ich am Ende 
nicht mehr weiß,
wo ich grad bin 
und wie ich heiß'.

Wintersonnenwende

Die 
Wintersonnenwende.

Das Jahr geht 
nun zu Ende. 
Ab morgen steigt 
die Sonne auf,
beginnt von Neuem 
ihren Lauf
durch all 
die Jahreszeiten,
die wir mit 
ihr durchschreiten -
mit Wachsen, Blühen 
und Vergeh'n,
um darin einen 
Sinn zu seh'n.

Die fernen Sterne 
sind verschwunden.
Künstliches Licht 
flutet die Welt.
Der Himmel ist 
für uns verstellt,
während wir jenen 
Stern umrunden,
der uns durch Licht 
am Leben hält.

Die Sternenwelt 
kam uns abhanden.
Sie fühlt sich von uns 
nicht verstanden
und zieht sich 
aus der Welt zurück.
Mit ihr verlieren 
wir das Glück,
das wir erst dann 
wirklich versteh'n,
wenn wir den 
weiten Kosmos seh'n.

Zeitkonzept

Zeitkonzept
*
Gänse, die auf 
Wiesen ruh'n,
haben grade 
nichts zu tun.
Kunststudenten, 
die pausieren,
träumen Kunst statt 
zu studieren.
Clowns, die länger 
Pause machen,
bringen keinen 
mehr zum Lachen.
Prediger, die 
sich verspäten,
brauchten Zeit, 
um fromm zu beten.
Jeder nutzt 
auf seine Weise
die geschenkte 
Zeitenreise
durch die 
kostbare Natur,
abzulesen 
an der Uhr,
die man, falls sie 
zu schnell tickt,
zu 'nem 
Uhrologen schickt.