Korsett der Eitelkeit

Korsett der 
Eitelkeit
*
Eingezwängt in 
ein Korsett
fühlt er sich 
endlich adrett,
weil er endlich 
Taille hat:
Brustkorb weit 
und Bäuchlein platt.

Früher keinesfalls 
graziös,
wirkt er scheinbar 
muskulös.
Atmen ist 
zwar eine Qual,
doch er gleicht 
dem Ideal,

das aus Magazinen 
lacht
und so Propaganda 
macht
für den neuen 
Taillen-Halter,
Waschbrettbauch-
Zusammenfalter.

Er fiel auf 
die Werbung rein
und lebt stumm 
mit dieser Pein,
um dem Spiegel 
zu genügen
und sich selbst 
so zu betrügen.

Doch sein Herz fühlt 
sich nicht frei.
Er reißt sich 
mit einem Schrei
das Korsett von 
Leib und Taille
und schreit: "Fort mit 
dir, Kanaille!"

Die zweite Haut

Die zweite 
Haut
*
Der Anzug, eine 
zweite Haut,
aus der ein Mann 
nach draußen schaut.
Am Hals die 
knotige Krawatte,
die er als Kind 
noch nicht dort hatte.

Polierte Schuhe, 
schwarzer Lack.
Manchmal sogar 
in einem Frack,
bringt Kleidung ihn 
gezielt in Form.
Nur so entspricht 
er jener Norm,
die ihn in eine 
Rolle zwingt.
Ein Zwang, der ihn 
nach vorne bringt.

Doch manchmal träumt 
er sich ans Meer
und wär sehr 
gerne irgendwer,
der sich in keinen 
Anzug zwängt.
Ein Leben, frei 
anstatt beengt.

Erfolg hat immer 
einen Preis.
Wovon er zu 
erzählen weiß.

Abgestürzt

Abgestürzt
*
Beim Tanzen vom 
Trapez gestürzt,
muss sie der 
Kunst entsagen.
Doch sie ist 
keinesfalls bestürzt.
Man hört sie 
selten klagen.

Sie sitzt nun 
hinterm Kassenband
und muss die 
Waren scannen.
Die rechte und 
die linke Hand
sind tastende 
Antennen

mit denen sie 
die Dinge nimmt,
über den 
Scanner führt,
der ihren Wert 
genau bestimmt,
während dort 
ungeniert

ein Kunde in sein 
Smartphone spricht
und sie fast 
nicht betrachtet.
Ihre Geschichte 
kennt er nicht
weil er sie 
nicht beachtet.

Sie nimmt, sie greift, 
sie streicht und räumt.
Die Hände tanzen 
auf dem Band,
während sie heimlich 
weiterträumt
vom Tanz in 
einem fernen Land.

Marschmusik und Herzenspflicht

Marschmusik 
und Herzenspflicht
*
Auf der Jacke 
glänzen Sterne,
doch ich fühl' 
mich ihnen ferne.
Eingehüllt in 
Uniform
zwingt man mich 
in eine Norm,

die mir selber 
nicht entspricht.
Fremd ist mir 
mein Angesicht.
Scharfe Kanten 
an dem Kragen,
muss ich mich 
zu fragen wagen:

"Kann ich diesem 
Zwang entgehen
und mich wieder 
atmen sehen
in dem Rhythmus, 
der ich bin?
Anders macht es 
keinen Sinn.

Ich hör' andre 
Trommeln schlagen
als die, die 
das Sagen haben.
Nur mir selbst 
bin ich verpflichtet,
nicht dem, der 
die Welt vernichtet."

Der Weg durch den Wald

Der Weg 
durch den Wald
*
Die Abkürzung führt 
durch den Wald.
Sie fürchtet sich 
und ihr ist kalt.
Doch außen 
drumherum zu geh'n
dauert zu lang. So 
bleibt sie steh'n.

Sie ringt mit 
ängstlichen Gedanken
und ihre Absicht 
scheint zu schwanken.
Doch dann gibt sie 
sich einen Stoß
und läuft waghalsig 
einfach los.

Ein Schatten huscht 
am Baum vorbei.
Der Mond scheint matt, 
der Weg ist frei.
Ein Uhu schreit. Ein 
Zweiglein knackt.
Steht dort nicht 
jemand unbefrackt?

Der Atem stockt, 
die Kehle schluckt.
Sie schwitzt. Als 
sie genauer guckt
steht dort nur ein 
verformter Strauch
mit flatterhaftem 
Blätterbauch.

Die Furcht malt gern 
mit leichter Hand
Gespenster aus 
dem Bilderland,
das sich im 
eignen Geist befindet
und uns an unsre 
Ängste bindet.

Das Schweigen brechen

Das Schweigen 
brechen
*
Sie hat ein Leben 
lang geschwiegen
und musste sich 
besorgt verbiegen.
Furchtsam hat sie 
ihr Leid ertragen,
ohne den Schritt 
nach vorn zu wagen.

An diesem Tag – 
riss die Geduld
und sie erkannte 
seine Schuld.
Er war es, der 
ihr Glück zerstörte,
wogegen sie 
sich nun empörte.

Sie hob die Stimme, 
schrie ihn an,
warf Teller 
nach dem Ehemann,
ließ ihre Wut 
endlich heraus
und brüllte laut: 
"Jetzt ist es aus!"

Nachdem sie 
nie etwas gesagt
erklärte sie 
nun unverzagt,
was er nur nach 
und nach erfasste:
dass seine Frau ihn 
nur noch hasste.

 

Die Leinwand

Die Leinwand
*
Bilder zu malen - 
ihr Beruf.
Was ihre 
Fantasie erschuf,
hat sie auf das 
Papier gebannt,
die Farbpalette 
in der Hand.

Den Farbstift 
zauberhaft geführt,
nachdem sie 
Farben angerührt,
entstehen wunderbare 
Bilder.
Auf denen tanzt 
ein alter, wilder

graziöser, edler 
Elefant,
den man noch nie 
auf Bildern fand.
Die Farben leuchten, 
doch sie denkt:
„Ich möchte nicht, 
dass man mich kränkt.“

Deshalb beschließt sie, 
diesen alten
Tanzriesen für 
sich zu behalten.
Niemand soll dieses 
Bild verspotten.
Eher soll es 
bei ihr verrotten.

Ein Freund nahm das 
grandiose Bildnis
mit der von ihr 
gemalten Wildnis
und stellt es 
heimlich für sie aus.
Nun lobt man sie 
landein, landaus

und feiert sie 
als Künstlerin
mit Fantasie 
und Eigensinn.
Woran sie nicht 
im Traum gedacht,
wurde durch Freundschaft 
wahr gemacht.

Die Brücke

Die Brücke
*
Die Brücke schaukelt, 
schwankt im Wind.
Lianen, die 
verknotet sind,
geben den Füßen 
sicher Halt.
Doch ihm wird plötzlich 
heiß und kalt.

Schon manche Brücke 
stürzte ein
und er will nicht 
der nächste sein,
der in die wilden 
Fluten stürzt.
Wenn er sein Leben 
so verkürzt,

wird jene Zukunft 
nicht entstehen,
die er im Traum 
vor sich gesehen.
Denn wenn er diesen 
Schritt nicht wagt,
noch weiter zweifelt 
und verzagt,

bleibt weiter unerreicht 
sein Ziel,
das anzustreben 
ihm gefiel,
als es in seinem 
Geist entstand
und er den Mut 
zum Aufbruch fand.

Wird er das Hindernis 
besiegen?
Ein Schritt - schon steht 
er auf den Stiegen 
der Brücke, die hinüber führt.
Ein Fuß der zögernd 
Holz berührt.

Dann wirkt er klar 
und geht entschlossen
hinüber auf den 
schmalen Sprossen.
Ein kurzes Stolpern. 
Er erbleicht.
Doch dann hat er 
sein Ziel erreicht.

Auf seine Furcht 
zurückzuschauen,
stärkt ihn und weckt 
sein Selbstvertrauen.
Wer seiner Angst 
nicht kraftlos weicht,
wird stolz, weil er 
sein Ziel erreicht.


Licht im Dunkeln

Licht 
im Dunkeln
*
Hinter dem Fenster 
dunkle Nacht,
in der jetzt Stern 
um Stern erwacht.
Des Mondes Sichel 
leuchtet klar. 
Sehnsucht erweckend, 
wunderbar. 

Ein Kind, das aus 
dem Fenster schaut.
Es will hinaus. 
Ob es sich traut?
Die Eltern warnten 
vor der Welt,
die sich nachts 
unheimlich verstellt.

Das Kind wagt Schritte - 
leise, sacht,
die Füße tasten 
in die Nacht.
Der Atem stockt, das 
Herz schlägt schnell.
Über dem Kind, 
so klar und hell:

Ein Himmel strahlt 
im Silberlicht,
ein Sternenzelt, 
das viel verspricht
vom grenzenlosen 
Firmament,
welches das Kind jetzt 
noch nicht kennt.

Der Lichterdom, 
vertraut und nah,
weil es der Angst 
ins Auge sah,
weckt Hoffnung, 
Mut und Zuversicht
wie jedes Wort 
in dem Gedicht.

Mut zum Aufbruch

Mut 
zum Aufbruch

Sein Dasein ist von 
den Gebräuchen geprägt
die man ihm schon 
in seine Wiege gelegt.

Die Alltagsroutinen
sie lenken wie Schienen
die täglichen Pfade.
Er fand das nie schade.

Gewohnheiten halfen 
ihm zu überleben
und schützten ihn vor 
unerwarteten Beben.
Er hat sie umgangen.
Kein Ziel, kein Verlangen
hat ihn aus der Praxis 
des Alltags gebracht.
So hat er tagtäglich 
das gleiche gemacht.

Doch nun wächst in ihm 
für ihn selbst zum Erstaunen
ein Flüstern und nicht mehr 
zu stillendes Raunen,
das stark an ihm zieht.
Ein weites Gebiet
mit verlockenden Räumen
erscheint ihm in Träumen.

Was unter der Schicht 
der Gewohnheiten leidet
und was er schon immer 
verdrängt und vermeidet
brach sich nun in nächtlichen 
Traumbildern Bahn
so dass es zur Flucht 
aus dem Hamsterrad kam.