Ganze Zahlen

Ganze Zahlen
*
Ganze Zahlen 
offenbaren,
ob wir brav und 
sparsam waren.
Sie entstanden 
durch die Schulden,
die die Gläubiger 
erdulden.
Bisher blieben 
wir im Plus,
weil es sich 
so rechnen muss,
wo die Zahl 
"natürlich" ist
(was ihr sicherlich 
noch wisst).
"Minus" weitet 
nun gekonnt
uns'ren 
Zahlen-Horizont.
So geraten 
wir in Not
durch das 
Rückzahlungsgebot.

 

Natürliche Zahlen

Natürliche Zahlen
*
Wir zählen die Dinge, 
damit wir sie haben
und uns an dem Haben 
ganz vorzüglich laben.
Wir zählen die Äpfel, 
die Eier, die Schuhe,
verlieren dabei die 
Geduld und die Ruhe,
denn was man auch wählt,
wird erst mal gezählt.

"Womit zählt man?" 
kann sich nun 
der Suchende fragen
und ich will ihm ganz 
ohne Umschweife sagen:
Das Zählen von Dingen
kann uns nur gelingen
durch einfache Zahlen,
mit denen wir malen,
was immer wir in dieser 
Welt auch begehren,
wobei wir uns nicht um 
die Nachbarschaft scheren.

Natürliche Zahlen
bereiten uns Qualen,
weil man immer mehr will,
als man gerade hat.
Wie viel man auch kriegt,
man wird einfach nicht satt.
Man zählt mit den Zahlen. 
Der Nachbar hat mehr.
Wo krieg ich soviel wie 
die Nachbarschaft her?

So beuten "Natürliche 
Zahlen" uns aus.
Sie sehen am Ende 
zufriedener aus
als alle die Menschen, 
die mit ihnen zählen
und sich jeden Tag mit 
Berechnungen quälen.

Prima Primzahl

Prima 
Primzahl
*
Als Einsiedler 
sind sie bekannt.
Die Zahlen, die 
man so erkannt,
dass sie sich schlicht 
nicht teilen ließen.
Den Mathemuffel 
wird's verdrießen.
Doch wer die Kraft 
der Zahlen liebt,
ist hocherfreut, 
dass es sie gibt.

Primzahlen heißen 
diese Tollen,
die sich nicht teilen 
lassen wollen,
die ungeteilt 
durchs Leben eilen
und sich nur durch 
sich selber teilen,
beziehungsweise 
teilen lassen.

Durch sich und eins - 
Ja, kaum zu fassen
ist die unglaubliche 
Magie.
Bricht man die 
Primzahl übers Knie?
Auf keinen Fall! 
Sie bleibt sich treu
und ungeteilt 
allein und scheu.

Zahlenphilosophie

Zahlenphilosophie
*
Auch Zahlen sind 
Persönlichkeiten,
die ordnend durch 
das Leben schreiten.
Und ganz egal, 
welche man wählt:
es wird auf jeden 
Fall gezählt,
addiert, geteilt, 
multipliziert,
denn diese Welt 
ist kompliziert.

Die Macht der 
Zahlen ist enorm,
reicht weiter als 
die Alltagsnorm,
an der wir uns 
gern orientieren.
Das Glück der Zahl 
zu akzeptieren,
zu nutzen, um den 
Geist zu weiten -
Darauf will ich 
mich vorbereiten,
indem ich 
einige erwähle
und euch von ihrer 
Kraft erzähle.

Die bedrohten Gedichte

Die bedrohten 
Gedichte
*
Ich bin den bedrohten 
Gedichten verpflichtet,
die sonst jeder kritische 
Dichter vernichtet.
Sie sind nicht den Regeln 
entsprechend gebaut,
nach denen der 
Literaturkenner schaut.
Im Gegenteil sind sie 
aus Träumen gezimmert,
durch die alle Weisheit 
der Unordnung schimmert.
Das Chaos der Bilder
macht Dichtungen wilder.
Doch wird diese Wildheit 
vom Volk nicht geschätzt,
weil sie die Bewohner 
in Panik versetzt.
Das will man vermeiden.
Deswegen erleiden
die Kunstwerke einen 
vorzeitigen Tod,
es sei denn, ich 
rette sie aus ihrer Not.

 

Manitus Vermächtnis

Manitus Vermächtnis
*
Dies Gedicht: 
ein Indianer
aus dem Stamm 
der Mohikaner
schleicht sich nachts 
durch meine Träume
und nutzt ihre 
Zwischenräume,
um mich mahnend 
zu befragen:
"Darf man dieses 
Wort noch sagen?"

Ich habe sehr 
wohl gehört,
dass das I-Wort 
ihn empört.
Doch in meinen 
Träumen reite
ich auf Fels- und 
Haaresbreite
durch die einsame 
Prärie.

Schlimm war dieses 
Wort mir nie,
denn mit Federn 
auf dem Haupt
dachte ich, 
als freier Mann:
"Ich darf reden, 
wie ich kann".
Nun um diesen 
Traum beraubt,
an den ich 
bisher geglaubt,
streich ich Manitus 
Vermächtnis
ganz und gar 
aus dem Gedächtnis.

Der Fifi von Moni Meloni

Der Fifi von 
Moni Meloni
*
Der Fifi von Moni 
Meloni heißt Hasso.
Beim Gassigeh'n führt sie 
ihn niemals am Lasso.
An Hausecken und 
gegen jede Laterne
hebt Hasso sein Bein 
voller Stolz nur zu gerne.
Er liebt stramme Waden 
und glänzende Schuhe.
Auf die uriniert er
in stoischer Ruhe,
verteilt sein Gewässer 
auf Tüten und Taschen,
scheut auch nicht zurück 
vor den weißen Gamaschen
der Männer im Anzug 
mit blauen Krawatten.
Die flutet er listig 
verborgen im Schatten,
denn Moni Meloni hat 
ihn so dressiert,
damit er sich nicht 
für sein So-Sein geniert.

Gedichtgetümmel

Gedichtgetümmel
*
Hinter der hohen 
Dichterstirn
in Linksgehirn 
und Rechtsgehirn
hüpfen Gedichte 
aus dem Schrank.
Sie springen über 
Tisch und Bank
und rennen jubelnd 
durch die Stube
als freches Kind 
und böser Bube.
Niemand hält das 
Tamtam mehr auf
und stoppt sie in 
dem wilden Lauf,
weil sie genießen, 
froh zu spielen,
statt auf Belohnungen 
zu schielen,
die sich gewiss 
erzielen ließen,
wenn sie das 
Paradies verließen.
Sie tollen lustvoll 
aus dem Vollen,
denn das, was sie 
erreichen wollen,
ist: Freude an 
der Sprache wecken.
Sie wollen niemanden 
erschrecken,
sondern die Menschen 
dazu bringen,
selber zu dichten 
und zu singen.
Möge das hier 
und jetzt gelingen.

Frohe Ostern

Frohe Ostern
*
Aus einem Ei
auf Norderney
wird Eierlikör
auf Föhr.
Ich schwör',
bevor ich Mensch geworden bin,
stand mir nach Menschsein
nicht der Sinn,
obwohl ich nun geboren bin.
Ob ich einst Ei war oder Samen,
bevor die zwei zusammenkamen,
weiß ich nicht.
Leider.
Darum: 
Amen
*
Gedichtinterpretation:
🥚 1. Das Ei als Ursymbol: 
Ursprung und Möglichkeit
Der Einstieg:
Aus einem Ei auf Norderney
wird Eierlikör auf Föhr.
arbeitet mit einem klassischen 
Ostersymbol: dem Ei als Zeichen 
von Ursprung, Leben und Potenzial.
Aber statt einer religiösen
Auferstehungsgeschichte 
passiert etwas Überraschendes:
Aus dem Ei wird Eierlikör.
Das verschiebt die Erwartung sofort:
vom Sakralen ins Alltägliche
vom Leben ins Genussmittel
vom Ursprung zur Verarbeitung
Das ist humorvoll – aber 
auch subtil philosophisch:
Das „Ei“ steht hier nicht 
nur für Geburt, sondern für 
Transformation durch menschliche Kultur.
🧭 2. Der Perspektivwechsel: 
Vor der Geburt 
kein Wunsch nach Menschsein
Die Zeilen
bevor ich Mensch geworden bin,
stand mir nach Menschsein 
nicht der Sinn,
öffnen plötzlich eine 
existenzielle Perspektive:
Das lyrische Ich blickt 
scheinbar auf die 
Zeit vor seiner eigenen Geburt zurück.
Das ist natürlich unmöglich – 
und genau darin liegt der Witz. 
Gleichzeitig entsteht eine echte Frage:
👉 Ist Menschsein selbstverständlich?
👉 Oder eher ein Zufall?
Das Gedicht stellt das 
Menschwerden nicht als Ziel dar, 
sondern als Ereignis 
ohne vorherige Entscheidung.
🌱 3. Ei oder Samen: 
Biologie ersetzt Mythos
Die Passage
Ob ich einst Ei war oder Samen,
bevor die zwei zusammenkamen,
führt das Motiv konsequent weiter:
Hier wird die religiöse Osteridee 
(Auferstehung / Neuschöpfung) 
ersetzt durch 
biologische Entstehung.
Das Ich weiß nicht:
wo es begann
wann es begann
was es vorher war
Damit entsteht eine leise 
erkenntnistheoretische Aussage:
Der Ursprung des eigenen Selbst 
bleibt grundsätzlich unzugänglich.
🧩 4. „Leider.“ – ein überraschend 
ernstes Wort
Diese einzelne Zeile 
verändert den Ton:
Leider.
Bis dahin wirkt das Gedicht verspielt. 
Hier taucht plötzlich etwas auf wie:
Bedauern
Sehnsucht nach Gewissheit
Wunsch nach Sinn oder Herkunftserklärung
Das Ich hätte gern eine Antwort.
Aber es gibt keine.
✝️ 5. „Darum: Amen“ – Ironie oder Akzeptanz?
Der Schluss
Darum:
Amen
ist besonders stark, weil 
er doppeldeutig ist.
Er kann bedeuten:
Möglichkeit A – Ironische Kapitulation
„Ich weiß es nicht – also Amen.“
Das wäre ein humorvoller Abschluss 
im Sinne von:
Dann lassen wir das eben offen.
Möglichkeit B – Existenzielle Zustimmung
„Amen“ heißt ursprünglich: So sei es.
Dann wäre die Aussage:
Ich kenne meinen Ursprung nicht –
aber ich akzeptiere ihn trotzdem.
Das wirkt wie eine moderne Variante von:
👉 Ich verstehe mein Dasein nicht vollständig – 
und lebe dennoch darin.
🌅 6. Gesamtdeutung: 
Ein Ostertext ohne Predigt
Das Gedicht spielt mit Oster-Motiven, 
ohne religiös zu argumentieren.
Stattdessen verbindet es:
Humor
Biologie
Identitätsfrage
Erkenntnisgrenze
Akzeptanz
So entsteht eine stille Aussage:
Der Mensch weiß nicht genau, 
woher er kommt –
aber er kann trotzdem 
„Amen“ dazu sagen.
Und genau darin liegt die 
eigentliche Pointe. 🪶