Der
vertriebene
Poet*Er ist von sich
selber begeistert,denn er hat sein
Leben gemeistert.Ab jetzt gilt es
nur noch, zu sterbenund sich den
Verdienst zu erwerben,hinauf in den
Himmel zu kommenwie alle die
anderen Frommen.Man sieht ihn die
Leiter erklimmen.Schon hört er der
Engelein Stimmen,die rufen, "Mach dich
bloß vom Acker,du tagtäglich
dichtender Racker!"Wonach sie ihm
lauthals verkünden,er sei viel zu schwer
durch die Sünden,die er auf der
Erde geschrieben.Deshalb hat man
ihn fortgetrieben."Erst wenn du sie
rückläufig dichtestund sie dadurch
wieder vernichtest,öffnet sich die
himmlische Pfortedurch deine
verschwundenen Worte!"
Ein kluger
Kopf*Er glaubt, sein
Horizont sei weitund hält sich
deshalb für gescheit.Doch sein Gesichtsfeld
ist verengt.Darum hält man
ihn für beschränkt.Wie man sich
seine Meinung baut,hängt davon ab,
wie weit man schaut.In meinem Kopf
macht alles Sinn.Ich kenn mich
mit dem Leben aus,weil ich ein kluges
Köpfchen bin.Doch leider mach
ich nichts daraus.
Ein kleines
Licht
*
Die hellste Kerze
bin ich nicht,
denn ich bin nur
ein kleines Licht
auf dieser
wunderbaren Torte.
Ich bin halt von
dezenter Sorte
und passe nicht
in das Gerüst,
mit dem man Rang
und Würde misst.
Schubladendenken
liegt mir fern.
Zwanglos zu leben,
mag ich gern.
Ich möchte Menschen
frei sein lassen,
statt anders Denkende
zu hassen.Doch sie schimpfen,
ich sei verkehrtund hätte keinen
Eigenwert.
Könnten sie es
nur bleiben lassen,mich ihrem
Weltbild anzupassen,dann strahlten wir
als helles Lichtgemeinschaftlich
in dem Gedicht.
Der
Mönchspanzer*Sein Brustkorb
gepanzert,sein Bauch
gut gestützt.Ein Schutzschild
umgibt ihn-doch ob es
ihm nützt?Die Kutte
verbirgt ihn,verhüllt das
Gesicht.Mausgrau ist
der Mantel,so sieht man
ihn nicht.Doch hinter
den Faltender strengen
Bastionahnt man seine
Schwäche:ein Riss zeigt
sich schon.
Was gestern noch
Schutz war- wird heute
Verhängnis, verwandelt sich
in ein vertrautes
Gefängnis.
Ein Mönchsgewand
trägt er,scheint ruhig
und still.Er hat sich
verloren,weiß nicht,
was er will.Er spürt nur
ein Beben,das ihn jetzt
bedrängt.Etwas möchte
leben,das er lang
verdrängt.
Korsett der
Eitelkeit*Eingezwängt in
ein Korsettfühlt er sich
endlich adrett,weil er endlich
Taille hat:Brustkorb weit
und Bäuchlein platt.Früher keinesfalls
graziös,wirkt er scheinbar
muskulös.Atmen ist
zwar eine Qual,doch er gleicht
dem Ideal,das aus Magazinen
lachtund so Propaganda
machtfür den neuen
Taillen-Halter,Waschbrettbauch-
Zusammenfalter.Er fiel auf
die Werbung reinund lebt stumm
mit dieser Pein,um dem Spiegel
zu genügenund sich selbst
so zu betrügen.Doch sein Herz fühlt
sich nicht frei.Er reißt sich
mit einem Schreidas Korsett von
Leib und Tailleund schreit: "Fort mit
dir, Kanaille!"
Die zweite
Haut*Der Anzug, eine
zweite Haut,aus der ein Mann
nach draußen schaut.Am Hals die
knotige Krawatte,die er als Kind
noch nicht dort hatte.Polierte Schuhe,
schwarzer Lack.Manchmal sogar
in einem Frack,bringt Kleidung ihn
gezielt in Form.Nur so entspricht
er jener Norm,die ihn in eine
Rolle zwingt.Ein Zwang, der ihn
nach vorne bringt.Doch manchmal träumt
er sich ans Meerund wär sehr
gerne irgendwer,der sich in keinen
Anzug zwängt.Ein Leben, frei
anstatt beengt.Erfolg hat immer
einen Preis.Wovon er zu
erzählen weiß.
Abgestürzt*Beim Tanzen vom
Trapez gestürzt,muss sie der
Kunst entsagen.Doch sie ist
keinesfalls bestürzt.Man hört sie
selten klagen.Sie sitzt nun
hinterm Kassenbandund muss die
Waren scannen.Die rechte und
die linke Handsind tastende
Antennenmit denen sie
die Dinge nimmt,über den
Scanner führt,der ihren Wert
genau bestimmt,während dort
ungeniertein Kunde in sein
Smartphone sprichtund sie fast
nicht betrachtet.Ihre Geschichte
kennt er nichtweil er sie
nicht beachtet.Sie nimmt, sie greift,
sie streicht und räumt.Die Hände tanzen
auf dem Band,während sie heimlich
weiterträumtvom Tanz in
einem fernen Land.
Marschmusik
und Herzenspflicht*Auf der Jacke
glänzen Sterne,doch ich fühl'
mich ihnen ferne.Eingehüllt in
Uniformzwingt man mich
in eine Norm,die mir selber
nicht entspricht.Fremd ist mir
mein Angesicht.Scharfe Kanten
an dem Kragen,muss ich mich
zu fragen wagen:"Kann ich diesem
Zwang entgehenund mich wieder
atmen sehenin dem Rhythmus,
der ich bin?Anders macht es
keinen Sinn.Ich hör' andre
Trommeln schlagenals die, die
das Sagen haben.Nur mir selbst
bin ich verpflichtet,nicht dem, der
die Welt vernichtet."
Der Weg
durch den Wald*Die Abkürzung führt
durch den Wald.Sie fürchtet sich
und ihr ist kalt.Doch außen
drumherum zu geh'ndauert zu lang. So
bleibt sie steh'n.Sie ringt mit
ängstlichen Gedankenund ihre Absicht
scheint zu schwanken.Doch dann gibt sie
sich einen Stoßund läuft waghalsig
einfach los.Ein Schatten huscht
am Baum vorbei.Der Mond scheint matt,
der Weg ist frei.Ein Uhu schreit. Ein
Zweiglein knackt.Steht dort nicht
jemand unbefrackt?Der Atem stockt,
die Kehle schluckt.Sie schwitzt. Als
sie genauer gucktsteht dort nur ein
verformter Strauchmit flatterhaftem
Blätterbauch.Die Furcht malt gern
mit leichter HandGespenster aus
dem Bilderland,das sich im
eignen Geist befindetund uns an unsre
Ängste bindet.
Das Schweigen
brechen
*Sie hat ein Leben
lang geschwiegenund musste sich
besorgt verbiegen.Furchtsam hat sie
ihr Leid ertragen,ohne den Schritt
nach vorn zu wagen.An diesem Tag –
riss die Geduldund sie erkannte
seine Schuld.Er war es, der
ihr Glück zerstörte,wogegen sie
sich nun empörte.Sie hob die Stimme,
schrie ihn an,warf Teller
nach dem Ehemann,ließ ihre Wut
endlich herausund brüllte laut:
"Jetzt ist es aus!"Nachdem sie
nie etwas gesagterklärte sie
nun unverzagt,was er nur nach
und nach erfasste:dass seine Frau ihn
nur noch hasste.