Dichterschicksal

Dichterschicksal
*
Eine Schreibfeder 
wurde ergriffen.
Zeichen wurden auf 
Papier gesetzt.
Worte wurden geformt.
Kurze und lange Zeilen
wurden aufs 
Papier getanzt,
ein Buchstabe 
nach dem anderen.
Ein Gedicht 
wurde geboren.
Ein Buch 
wurde gedruckt
und vergessen.

Jahre vergehen.
Dann 
werden die 
Verse gelesen.
Ein Herz 
wird berührt.

Ein Leser schreibt einen 
Brief an den Dichter.

Das Blatt 
wird gefaltet
und in einen 
Umschlag gesteckt.
Eine Briefmarke 
wird abgeleckt
und aufgeklebt.
Ein Brief 
wird von der Post 
transportiert.
Der Briefkasten
 wird vom
 Postboten gefunden.
 
Ein Nachlassverwalter 
öffnet den Brief.

 

Melatonin

Melatonin
*
Abends in 
dem Hirngehäuse
arbeitet die 
Zirbeldräuse,
schickt Melatonin 
ins Blut,
dass der Körper 
schläft und ruht.
Wenn sie aber 
ständig wacht,
ist es aus 
mit Gute Nacht.

Cortisol

      Cortisol
         *
    Von Cortisol 
    getrieben
    ist dieser Reim 
    geschrieben:
    ein 
    NEBEN
     NIEREN
      RINDEN
         VERS
    voll 
    Tatendrang, 
    doch nicht 
    pervers,
    bringt er den 
    Puls zum Rasen
    bei Menschen, 
    Rehen, Hasen.

Dopamin

Dopamin
*
Bis zu den Knien 
in Dopamin
wirkt alles anders, als es schien,
denn ist man endorphingetränkt,
wird alles schöner, als man denkt.

Heißes Pflaster

Coming Soon

*

Nur ein Grashalm

Das Kloster lag hinter dem Nebelwald am Fuß des Pyramidenberges. 
Die Einheimischen nannten es deshalb das Kloster der Himmelspyramide. 
Es wurde oft von Pilgern besucht, die weite Wege in Kauf nahmen, 
um hier einige Zeit in Ruhe und Meditation zu verbringen. Jeden 
Morgen, wenn die Glocke zur Laudes rief, blieben einige Mönche im 
Klosterhof stehen und bekreuzigten sich. Ihr Blick glitt schweigend 
an den steilen Flanken des Berges empor bis zur Spitze, die sich 
scharf gegen den Himmel abhob. Erst dann betraten sie schweigend 
die Kapelle. Luis hatte Pilze im Wald gesucht und sie zu Bruder 
Antonius ins Kloster gebracht. Bruder Antonius lüftete den Deckel 
des Weidenkorbes an und beugte sich neugierig darüber. "Steinpilze?" 
fragte er. Luis nickte. "Und Pfifferlinge. Ganz frisch heute Morgen 
gesammelt." Der Mönch lächelte zufrieden, holte einige Münzen aus 
der Tasche der Soutane und ließ sie in Luis' Hand fallen. "Das Dach 
der Kapelle ist undicht geworden. Kannst du es für uns reparieren?" 
"Natürlich." "Der Abt sagt immer, niemand hat so geschickte Hände 
wie du." Luis verabschiedete sich und schlenderte den Feldweg 
entlang, der außen am Rand des Waldes zum Dorf führte. Er stellte 
sich vor, wie seine Frau Jutta gerade das Brot aus dem Ofen holte 
und das warme Sonnenlicht durch das kleine Küchenfenster auf Peros 
Bett fiel. Kurz vor dem Dorfeingang hörte Luis hinter der alten 
Bruchsteinmauer schnelle Schritte. "Papa!" Sein Sohn Pero stürmte 
auf ihn zu, sprang ihm entgegen und klammerte sich an seinen Hals. 
Luis lachte. "Na, wen haben wir denn hier?" Er hob ihn hoch und 
drehte sich einmal mit ihm im Kreis. "Wo willst du denn so eilig 
hin?" "Noch mal in den Wald." Luis stellte ihn wieder auf den Boden. 
"Aber nicht zu weit." "Bin bald zurück." Der Junge winkte noch 
einmal und verschwand zwischen den Bäumen. Luis sah ihm lächelnd 
nach. Es war das letzte Mal, dass Pero seinen Vater lebend sah.