Lichtgedicht

Lichtgedicht 
*
Unter der Eiche 
liegt bleich ein Gedicht.
Es hat keinen Puls 
und es atmet auch nicht.
Es denkt: "Ich bin tot! 
Darum ist mir so kalt!
Warum lieg' ich hier 
in dem schaurigen Wald?"

Ein Wanderer findet 
die blutleere Dichtung
und zerrt sie hinaus 
auf die sonnige Lichtung.
Doch kaum hat die Sonne 
den Leichnam berührt,
erkennt das Gedicht, 
dass es sich wieder spürt.

Wird schwindenden Versen 
Beachtung geschenkt,
erwachen selbst Tote, 
weil man an sie denkt.

Der Leib dient dem Leben

Der Leib dient dem Leben
*
Auch wir werden einst 
von der Erde gefressen.
Für Maden sind wir 
dann die Delikatessen.
Sie fressen sich satt, 
werden dick und gediegen,
verpuppen sich kunstvoll 
und werden zu Fliegen.

Das Leben gibt Leben, 
indem es uns nimmt.
Wir selbst werden Futter. 
So ist es bestimmt.
Der Leib dient dem Leben, 
die Seele dem Geist,
indem sie den Traum der 
Unsterblichkeit speist.

Gestohlenes Rezept

Gestohlenes 
Rezept
*
1. Die Werkstatt
Im Dämmerlicht 
rührt er mit Fleiß
Zutaten, die nur 
er noch weiß,
in jenen Topf, 
gefüllt mit Kraft,
in dem er 
Hochgenuss erschafft.
Ein Tröpfchen hier, 
ein Hauch von Duft –
Magie erfüllt 
die warme Luft.
Der Gaumenschmaus 
entsteht nur hier
nach dem Rezept 
auf dem Papier.

2. Das Rezept
Ein Buch mit Goldschnitt, 
schön und alt,
verleiht Rezepten 
die Gestalt,
nach denen 
meisterlich verfährt,
wer Künstler ist 
und Menschen nährt.
Jedem Rezept 
hinzugefügt
ist stets ein Teil, 
der sie betrügt:
die Diebe, die es 
stehlen wollen.
Sie kriegen, was 
sie kriegen sollen.
„Wer dies mit Habgier 
je begehrt,
erlebt, was ihm 
dann widerfährt!“

3. Der Dieb
Im Mantelgrau 
mit spitzem Blick
naht sich ein Gauner, 
wittert Glück,
stiehlt das Rezept 
der Schokolade –
kennt kein Erbarmen, 
keine Gnade.
Er sticht - eiskalt - 
den Meister tot.
Die Süße färbt 
sich blutig Rot.
Man sieht den Meister 
aufwärts schweben:
"Ich werde dir 
niemals vergeben!"

4. Die Zubereitung
Der Dieb rührt, kocht, 
ist voll Elan
und stolz auf 
seinen Schoko-Plan!
folgt dem Rezept 
ganz ungeteilt,
damit der Ruhm 
bei ihm verweilt.

5. Das Bankett
Die Gäste will 
er überzeugen,
damit sie sich 
vor ihm verbeugen
und ihn wegen 
der Süße ehren,
gemacht, um ihre 
Lust zu mehren.
Zum Festbankett 
erscheinen Gäste,
erwarten nur 
das Allerbeste,
sie schmatzen, und 
mit gutem Grund:
"Ein Meister!" geht's 
von Mund zu Mund.

6. Die Bestrafung
Doch bald: ein Donnern 
in den Bäuchen
will den Genuss der 
Lust verscheuchen.
Ein nie gekanntes, 
wildes Grummeln,
zwingt sie, sich vor 
dem Klo zu tummeln,
denn, was der Dieb 
ja nicht bedachte,
als er die 
süße Speise machte:
"Dem Mann, der gierig 
Gutes raubt,
wird Schokolade 
nicht erlaubt!"
*

Die Akazienphilosophie

Akazienphilosophie
*
Ein paar 
hungrige Giraffen
machen sich am 
Baum zu schaffen,
der am Rand der 
Steppe steht,
hitzefest, vom 
Wind umweht.

Die Akazienblätter 
spüren,
wie die Zähne 
sie berühren,
sie zerreißen, 
beißen, kauen,
um sie lustvoll 
zu verdauen.

Doch ein Baum, 
der nicht vergisst,
-"Was mach ich, wenn 
man mich frisst?"-
schickt ein Gas, 
so fein und klar,
an seine 
Geschwisterschar,

warnt die Brüder 
und die Schwestern.
Schließlich ist er 
nicht von gestern.
"Gib gut Acht - 
denn jetzt und hier
kommen Fresser 
nah zu dir."

Alle Bäume 
sind gewarnt,
haben sich 
sofort getarnt,
machten ihre 
Blätter bitter
gegen die 
Giraffenritter.

Doch ein Baum fragt 
sich im Stillen:
"Muss ich nicht 
den Hunger stillen,
der die Tiere 
zu mir treibt,
auch wenn nichts mehr 
von mir bleibt?

Ist es richtig, 
mich zu rüsten,
mich vielleicht 
damit zu brüsten,
dass ich sehr viel 
schlauer war
als diese 
Giraffenschar?"

Nachdenklich ließ 
er sich fressen,
fern von 
Eigeninteressen.
Philosophisch 
von Natur,
blieb von ihm 
nicht eine Spur.
 

Des Wirsings Weisheit

Des Wirsings 
Weisheit

Im Garten stand 
zu guter letzt
nur noch ein Wirsing, 
gelb und alt,
faltig und klug, 
doch unterschätzt.
Es wurde dunkel, 
nass und kalt.

"Savoyer Kohl nennt 
man mich wohl
und denkt, ich sei 
von innen hohl.
Doch stetig wuchs mir 
Schicht um Schicht
die Weisheit, die jetzt 
zu euch spricht.

Ich schaute, fest 
verwurzelt hier,
auf Schnecke, Spatz 
und jedes Tier,
das nach dem Sinn 
des Lebens fragte,
weil Weltverdruss 
ihm nicht behagte.

So reiften in mir 
Blatt und Sinn –
bis plötzlich dann, 
ganz mittendrin,
Erkenntnis reifte: 
Sinn des Lebens
ist, froh zu sein - 
nichts ist vergebens.

Dann kam ein Mensch 
mit schnellen Schritten
hat meine Blätter 
abgeschnitten.
Doch keine Angst 
durchdrang mein Herz,
nur eine leise 
Form von Schmerz:

Was nützt die Weisheit, 
tief und klar,
wenn sie niemals 
zu hören war?
Wie teile ich, 
was ich gelernt,
wenn man mich aus 
der Welt entfernt?"

Doch dann wird er 
gefüllt, gerollt,
gewürzt mit Zwiebeln, 
gelb wie Gold,
und nicht zermatscht, 
nein: fein serviert,
im Ofen liebevoll 
garniert.

Er dachte noch 
im Bratensud:
„Nahrung zu werden 
tut so gut.
Wenn man mich achtsam 
sanft zerkaut
und meine Weisheit 
dann verdaut,

lebe ich weiter - 
Blatt für Blatt -
in dem, der mich 
gegessen hat.
Ein Wirsing, der sein 
Ziel erreichte,
bevor er wirkungslos 
erbleichte.

Optimistischer Realismus

Optimistischer 
Realismus
*
Ich bin kein Träumer, 
der verkennt,
dass diese Welt 
vor Sorge brennt.
Doch Hoffnung ist 
kein leeres Wort –
der erste Schritt 
zu einem Ort,
der vor uns 
in der Zukunft liegt
und die Vergangenheit 
besiegt.

Ein Pflänzchen wächst 
durch Asphaltstein
und wird ein großer 
Baum einst sein.
Ich sehe klar, 
was war und ist.
Trotzdem bin ich 
kein Pessimist.

Es liegt ein Same 
in der Welt,
der einen großen 
Traum enthält
von dem, was 
Menschheit schaffen kann,
wenn Seit' an Seite, 
Frau und Mann -
erkennen, was uns 
möglich ist.
Deshalb bin ich 
ein Optimist,
um mit Mut 
und Vertrauen
die Zukunft 
aufzubauen,
die wir dadurch 
gestalten,
wie wir uns heut'
verhalten.

Eigensinn

Eigensinn
*
Wenn du Worte 
verschweigst
und Gedanken 
nicht zeigst,
die im Innern 
entstehen,
wirst du auch 
nicht gesehen.
Und es fehlt 
in der Welt
dein ganz 
eigenes Feld.
Denn nur du 
kannst das zeigen,
was in dich 
gelegt,
damit es 
sich frei
durch das 
Leben bewegt.
Spreche aus, 
was du fühlst,
stehe da, 
wo du stehst,
selbst wenn 
du dabei
auch durch 
Sturmwinde gehst.
Diese Welt braucht 
dein Licht,
dein ganz 
eigenes Sein,
deinen Blick, 
deine Sicht,
um 
vollständig 
zu sein.

Verkleidungen

Verkleidungen
*
Durch Kleidung schafft 
sie in der Welt
ein Bild, für das 
man sie dann hält.
Macht sie sich schön, 
wird man sie sehen
und ihr krass auf 
den Wecker gehen.
Spielt sie gekonnt 
mit ihren Reizen,
wird man mit Lob 
dafür nicht geizen
und rückt ihr deshalb 
auf der Stelle
gleich ganz gehörig 
auf die Pelle.

Bleibt sie stattdessen 
auf Distanz,
hat sie ihr Leben 
voll und ganz
bewusst und frei 
unter Kontrolle.
Sie bleibt sie selbst, 
spielt keine Rolle
und liebt ihre 
Unscheinbarkeit,
die sie vom 
Schönheitszwang befreit.

Ein grauer Schal, 
ein alter Schuh
und schon lässt jeder 
sie in Ruh',
denn sie scheint 
langweilig und grau.
Doch innerlich 
weiß sie genau:
"Ich wirke zwar 
ganz unscheinbar,
doch innerlich 
ganz wunderbar!"
So bleibt sie 
fröhlich und gesund,
denn tief im Herzen 
ist sie bunt.

Kopi Luwak – Die besondere Kaffeebohne

Kopi Luwak - 
Die besondere 
Kaffeebohne
*
Schleichkatzen 
fressen 
Kaffeekirschen,
in denen je 
zwei Bohnen sind.
Sich an die 
Katzen anzupirschen,
gelingt meist 
nur bei Gegenwind.
Nur so kann man 
die Bohnen fassen,
die bald den 
Katzendarm verlassen
und sie für jenen 
Trank verwenden,
für den wir unser 
Geld verschwenden.

Doch denkt man an 
die sanften Pfoten,
die für unser 
Aroma leiden
wird der Genuss 
uns bald verboten.
Wir sollten 
Kopi Luwak meiden.