Die Eintagsfliege*In der Traumstadt:
Eine ausgeschlüpfte
Fliegesitzt neben
dem Haufen
einer Ziege.Ach, es qualmt
behaglich und
es duftet,denn die Ziege hat
für dieses Werk geschuftet."Machen alle Wesen
solche Haufen?Oder muss man
solche Haufen kaufen?"Man sieht, wie die
Eintagsfliege grübelt.Keinen gibt es, der
ihr das verübelt,denn hier geht's
um Leben oder Tod.Eintagsfliegen sind
in großer Not.Dient der dicke
Haufen guter Nahrungder Verlängerung
lebendiger Erfahrung? Oder bleibt der
Tod ihr nicht erspart,selbst wenn sie
im Ziegen-Kot verharrt,um sich Lebenskraft
herauszusaugen?Eintagsfliege schließt
sanft ihre Augen,und wird endlich
nachdenklich beschließen,ihre Zeit ganz einfach
zu genießen.
Traumstadtkrieg*In der Traumstadt hat
man sich entschlossen:"Jeder Feind im Umland
wird erschossen!"Feind ist jedermann,
den es empört,dass er nicht zum
Traumstadtvolk gehört.Man beschießt sie
mit Traumstadtkanonenweil die Gegner nicht
wie Einheimische wohnen,anders denken, sich
ganz anders kleiden,anders beten -
und deswegen leiden -leiden müssen, denn
wer hier nicht passt,wird zurecht verleumdet
und gehasst.Ganz am Ende ist
man unter sich.Und ernüchtert fragt
man sicherlich:"Haben diese Morde
sich gelohnt?"Denn das Land ist
jetzt nicht mehr bewohnt.
Traumstadtphilosoph*In der Traumstadt
lebt ein Philosoph.Hochbegabt, doch
lebenspraktisch doof,kann er seinen Alltag
nicht bestehen.Deshalb kann man ihn
auch oftmals sehen,wie er von
perfekten Welten träumtund das Leben
ringsherum versäumt.Weltentrückt in
herrlichen Ideen,kann er das Greifbare
nicht verstehen,stolpert durch die
wunderbare Stadt,deren Reichtum er
noch nie beachtet hat.
Traumstadtgetränke*In der Traumstadt trinkt
man gerne Gruselfusel,denn man liebt den so
bewirkten Fuselduselund das ti-, ta-,
torkelige Schwankennach dem
allerherrlichsten
Betanken.Hat man abends
ordentlich getanktund mit seiner
Nachbarschaft gezankt,kann man sich getrost
wieder vertragen.Das schont die
Gemeinschaft und
den Magen.
Sommerregen
im Frühling
*In der Traumstadt
hat etwas geregnetund die Träumenden der
Stadt damit gesegnet.Denn sie träumten,
dass es Sommer wär,nicht nur irgendwie
und ungefähr,sondern heftig - mit
besonders großer Hitzeund der Trockenheit
in jeder kleinen Ritze.Darum war der, wenn
auch nur geträumte
Sommerregenfür die ganze Stadt
ein unverhoffter Segen.
Traumstadtfrühling*In der Traumstadt hat
der Frühling grad begonnen.Jedermann beschließt nun,
sich zu sonnenund die Sonnenwonne
zu genießen,während ringsherum die
bunten Blümlein sprießen.Nur das unbeliebte
Schlechte-Laune-Kraut,das verdrießlich aus
dem Boden schaut,hätt' es lieber kalt
und wieder Schnee,denn die pralle
Sonne tut ihm weh.
Traumstadtstille * In der Traumstadt
ist es sehr beliebt,so zu tun, als ob
man sich nicht sieht.Jedermann ist wirklich
gern alleinund genießt es,
unsichtbar zu sein.Hier regiert eindeutig
nur die Stille.Jedermann ist gegen
alles Schrilleund wer laut ist,
wird ruckzuck geköpft.Darum bleiben alle
zugeknöpft,schauen stumm nach
oben in die Luft.Wer die Regeln bricht,
der ist ein Schuftund muss dann für
alle andern schuftenoder schnell aus
dieser Stadt verduften.
Im Vestibül*Ein Gedicht
im Vestibül:"Warum ist es
bloß so kühl?Frühling lässt noch
auf sich wartennach dem kalten,
langen, hartenWinter, der mich
frieren ließ.Ach, das
Frühlingsparadieswill für uns noch
nicht erscheinen!Darum will ich
reichlich weinen.Meine Tränen
fallen niederauf Schneeglöckchen,
Krokus, Flieder,dass das Wachsen
schnell gelingtund der Lenz sein
Liedchen singt.
Momentum
*Der rechte
Moment -er wird
niemals
erscheinen.Nimm einfach
den nächsten.Sonst findest
du keinen.Denn wer
es erwartet -das ganz
große Glück -weist alle
die kleinen Momente
zurück.
Lebensfreude*Was hat sich
die Natur gedacht,als sie sowas
wie mich gemacht?Im Schlaf träumte
sie sicherlichvom Sonnenschein
und machte mich:ein Tänzer-Schreiber-
Wundertier.Geboren, stehe
ich jetzt hierund springe fröhlich
in die Welt,weil mir das
Leben so gefällt.Dankbar, dass sie
mich ausgeheckt,hab' ich das Glück
der Welt entdecktund bin so durch
und durch entzückt, weil mir der
Frohsinn so geglückt.