Gedichtgetümmel

Gedichtgetümmel
*
Hinter der hohen 
Dichterstirn
in Linksgehirn 
und Rechtsgehirn
hüpfen Gedichte 
aus dem Schrank.
Sie springen über 
Tisch und Bank
und rennen jubelnd 
durch die Stube
als freches Kind 
und böser Bube.
Niemand hält das 
Tamtam mehr auf
und stoppt sie in 
dem wilden Lauf,
weil sie genießen, 
froh zu spielen,
statt auf Belohnungen 
zu schielen,
die sich gewiss 
erzielen ließen,
wenn sie das 
Paradies verließen.
Sie tollen lustvoll 
aus dem Vollen,
denn das, was sie 
erreichen wollen,
ist: Freude an 
der Sprache wecken.
Sie wollen niemanden 
erschrecken,
sondern die Menschen 
dazu bringen,
selber zu dichten 
und zu singen.
Möge das hier 
und jetzt gelingen.

Frohe Ostern

Frohe Ostern
*
Aus einem Ei
auf Norderney
wird Eierlikör
auf Föhr.
Ich schwör',
bevor ich Mensch geworden bin,
stand mir nach Menschsein
nicht der Sinn,
obwohl ich nun geboren bin.
Ob ich einst Ei war oder Samen,
bevor die zwei zusammenkamen,
weiß ich nicht.
Leider.
Darum: 
Amen
*
Gedichtinterpretation:
🥚 1. Das Ei als Ursymbol: 
Ursprung und Möglichkeit
Der Einstieg:
Aus einem Ei auf Norderney
wird Eierlikör auf Föhr.
arbeitet mit einem klassischen 
Ostersymbol: dem Ei als Zeichen 
von Ursprung, Leben und Potenzial.
Aber statt einer religiösen
Auferstehungsgeschichte 
passiert etwas Überraschendes:
Aus dem Ei wird Eierlikör.
Das verschiebt die Erwartung sofort:
vom Sakralen ins Alltägliche
vom Leben ins Genussmittel
vom Ursprung zur Verarbeitung
Das ist humorvoll – aber 
auch subtil philosophisch:
Das „Ei“ steht hier nicht 
nur für Geburt, sondern für 
Transformation durch menschliche Kultur.
🧭 2. Der Perspektivwechsel: 
Vor der Geburt 
kein Wunsch nach Menschsein
Die Zeilen
bevor ich Mensch geworden bin,
stand mir nach Menschsein 
nicht der Sinn,
öffnen plötzlich eine 
existenzielle Perspektive:
Das lyrische Ich blickt 
scheinbar auf die 
Zeit vor seiner eigenen Geburt zurück.
Das ist natürlich unmöglich – 
und genau darin liegt der Witz. 
Gleichzeitig entsteht eine echte Frage:
👉 Ist Menschsein selbstverständlich?
👉 Oder eher ein Zufall?
Das Gedicht stellt das 
Menschwerden nicht als Ziel dar, 
sondern als Ereignis 
ohne vorherige Entscheidung.
🌱 3. Ei oder Samen: 
Biologie ersetzt Mythos
Die Passage
Ob ich einst Ei war oder Samen,
bevor die zwei zusammenkamen,
führt das Motiv konsequent weiter:
Hier wird die religiöse Osteridee 
(Auferstehung / Neuschöpfung) 
ersetzt durch 
biologische Entstehung.
Das Ich weiß nicht:
wo es begann
wann es begann
was es vorher war
Damit entsteht eine leise 
erkenntnistheoretische Aussage:
Der Ursprung des eigenen Selbst 
bleibt grundsätzlich unzugänglich.
🧩 4. „Leider.“ – ein überraschend 
ernstes Wort
Diese einzelne Zeile 
verändert den Ton:
Leider.
Bis dahin wirkt das Gedicht verspielt. 
Hier taucht plötzlich etwas auf wie:
Bedauern
Sehnsucht nach Gewissheit
Wunsch nach Sinn oder Herkunftserklärung
Das Ich hätte gern eine Antwort.
Aber es gibt keine.
✝️ 5. „Darum: Amen“ – Ironie oder Akzeptanz?
Der Schluss
Darum:
Amen
ist besonders stark, weil 
er doppeldeutig ist.
Er kann bedeuten:
Möglichkeit A – Ironische Kapitulation
„Ich weiß es nicht – also Amen.“
Das wäre ein humorvoller Abschluss 
im Sinne von:
Dann lassen wir das eben offen.
Möglichkeit B – Existenzielle Zustimmung
„Amen“ heißt ursprünglich: So sei es.
Dann wäre die Aussage:
Ich kenne meinen Ursprung nicht –
aber ich akzeptiere ihn trotzdem.
Das wirkt wie eine moderne Variante von:
👉 Ich verstehe mein Dasein nicht vollständig – 
und lebe dennoch darin.
🌅 6. Gesamtdeutung: 
Ein Ostertext ohne Predigt
Das Gedicht spielt mit Oster-Motiven, 
ohne religiös zu argumentieren.
Stattdessen verbindet es:
Humor
Biologie
Identitätsfrage
Erkenntnisgrenze
Akzeptanz
So entsteht eine stille Aussage:
Der Mensch weiß nicht genau, 
woher er kommt –
aber er kann trotzdem 
„Amen“ dazu sagen.
Und genau darin liegt die 
eigentliche Pointe. 🪶
 

Traumstadtphilosophie

Traumstadtphilosophie
*
Man träumt 
in der Traumstadt 
die essbare Stadt.
Sie nährt alle Wesen 
und macht jeden satt.
Ein sinnloser Krieg 
wird hier niemals geführt,
weil jeder Mensch achtsam 
den Mitmenschen spürt.
Gelobt wird nur, 
wer sein Gewissen erhört
und sich gegen jedwede 
Kriegslust empört.

Keiner geht 
mehr ins Büro.
Jeder pflanzt 
und buddelt froh,
züchtet, was man 
essen kann,
für die Frau 
und für den Mann.

Essbare Stadt - 
ein Traum gelingt,
der Früchte für 
uns alle bringt.

Schon stehen 
Neider vor dem Tor.
Und Schlimmes steht 
uns jetzt bevor.

Die Eintagsfliege

Die Eintagsfliege
*
In der Traumstadt: 
Eine ausgeschlüpfte 
Fliege
sitzt neben 
dem Haufen 
einer Ziege.
Ach, es qualmt 
behaglich und 
es duftet,
denn die Ziege hat 
für dieses Werk geschuftet.
"Machen alle Wesen 
solche Haufen?
Oder muss man 
solche Haufen kaufen?"

Man sieht, wie die 
Eintagsfliege grübelt.
Keinen gibt es, der 
ihr das verübelt,
denn hier geht's 
um Leben oder Tod.
Eintagsfliegen sind 
in großer Not.

Dient der dicke 
Haufen guter Nahrung
der Verlängerung 
lebendiger Erfahrung? 
Oder bleibt der 
Tod ihr nicht erspart,
selbst wenn sie 
im Ziegen-Kot verharrt,
um sich Lebenskraft 
herauszusaugen?
Eintagsfliege schließt 
sanft ihre Augen,
und wird endlich 
nachdenklich beschließen,
ihre Zeit ganz einfach 
zu genießen.

Traumstadtkrieg

Traumstadtkrieg
*
In der Traumstadt hat 
man sich entschlossen:
"Jeder Feind im Umland 
wird erschossen!"
Feind ist jedermann, 
den es empört,
dass er nicht zum 
Traumstadtvolk gehört.
Man beschießt sie 
mit Traumstadtkanonen
weil die Gegner nicht 
wie Einheimische wohnen,
anders denken, sich 
ganz anders kleiden,
anders beten - 
und deswegen leiden -
leiden müssen, denn 
wer hier nicht passt,
wird zurecht verleumdet 
und gehasst.
Ganz am Ende ist 
man unter sich.
Und ernüchtert fragt 
man sicherlich:
"Haben diese Morde 
sich gelohnt?"
Denn das Land ist 
jetzt nicht mehr bewohnt.

Traumstadtphilosoph

Traumstadtphilosoph
*
In der Traumstadt 
lebt ein Philosoph.
Hochbegabt, doch 
lebenspraktisch doof,
kann er seinen Alltag 
nicht bestehen.
Deshalb kann man ihn 
auch oftmals sehen,
wie er von 
perfekten Welten träumt
und das Leben 
ringsherum versäumt.
Weltentrückt in 
herrlichen Ideen,
kann er das Greifbare 
nicht verstehen,
stolpert durch die 
wunderbare Stadt,
deren Reichtum er 
noch nie beachtet hat.

Traumstadtgetränke

Traumstadtgetränke
*
In der Traumstadt trinkt 
man gerne Gruselfusel,
denn man liebt den so 
bewirkten Fuseldusel
und das ti-, ta-, 
torkelige Schwanken
nach dem 
allerherrlichsten 
Betanken.
Hat man abends 
ordentlich getankt
und mit seiner 
Nachbarschaft gezankt,
kann man sich getrost 
wieder vertragen.
Das schont die 
Gemeinschaft und 
den Magen.

Sommerregen im Frühling

Sommerregen 
im Frühling
*
In der Traumstadt 
hat etwas geregnet
und die Träumenden der 
Stadt damit gesegnet.
Denn sie träumten, 
dass es Sommer wär,
nicht nur irgendwie 
und ungefähr,
sondern heftig - mit 
besonders großer Hitze
und der Trockenheit 
in jeder kleinen Ritze.
Darum war der, wenn 
auch nur geträumte 
Sommerregen
für die ganze Stadt 
ein unverhoffter Segen.

Traumstadtfrühling

Traumstadtfrühling
*
In der Traumstadt hat 
der Frühling grad begonnen.
Jedermann beschließt nun, 
sich zu sonnen
und die Sonnenwonne 
zu genießen,
während ringsherum die 
bunten Blümlein sprießen.

Nur das unbeliebte 
Schlechte-Laune-Kraut,
das verdrießlich aus 
dem Boden schaut,
hätt' es lieber kalt 
und wieder Schnee,
denn die pralle 
Sonne tut ihm weh.