Abserviert

Abserviert
*
In der Traumstadt 
im "Hotel zum Gänsebraten"
muss man lange auf 
die heißen Speisen warten.
Hat man sie dem 
Regelwerk gemäß bestellt,
werden sie, gut duftend, 
auf den Tisch gestellt.
Bringt jedoch der 
Kellner Kurt das Essen,
kann man jede Aussicht 
auf Genuss vergessen.
Wenn er kommt, dann 
sind die Speisen kalt,
und sie werden lieblos 
auf den Tisch geknallt.
Wagt man es, sich 
deshalb zu beschweren,
muss man sich 
der Vorwürfe erwehren,
dass man asozial 
sei und Rassist,
weil er, Kurt, die 
Wertschätzung vermisst,
mit der man sich 
als ein Gast bewährt
und danach erst 
seine Gunst erfährt. 
Deshalb wird man 
nach dem Mahl gebeten,
dieses Haus nicht 
wieder zu betreten.

 

Narrenhände

Narrenhände
*
"Narrenhände beschmieren Tisch
und Wände!" So hieß der Spruch,
den meine Mutter mir immer um
die Ohren gehauen hat. Dabei
habe ich sehr fleißige Hände,
die alles Mögliche in Ordnung 
bringen können. Meine Hände
können zufassen und loslassen.
Sie können heranziehen und 
fortstoßen. Mit Händen kann
man Häuser bauen und Türme 
einreißen, Äpfel vom Baum
pflücken und Kuchen backen. 
Mit den Händen kann man sich 
am Ohr kratzen und die Nase 
putzen. Man kann Romane 
schreiben oder 
Beschwerdebriefe an den
Vermieter, wenn die Heizung 
mal wieder nicht geht. Hände
können Rhythmen klatschen und
auf die Trommel schlagen. 
Hände machen Spaß.


Intelligenztest

Intelligenztest
*
Aliens sind auf der Erde gelandet
und wollen die Menschheit vernichten,
es sei denn, sie finden  heraus, dass
die Menschen intelligent genug sind,
den Planeten zu retten. Jeder
Mensch bekommt einen Gegenstand und
muss herausfinden, welche 
Funktion er hat. Hier ist der Bericht
über den Gegenstand, den ich erhalten
habe:
Ich habe ein Objekt erhalten, um es
eingehend zu untersuchen. Es handelt 
sich dabei um eine kleine rote Platte,
die nach außen gewölbt ist. Innen
befindet sich ein Stachel und ein 
Haken. Ich habe die rote Fläche 
abgeleckt, aber dabei scheint nichts 
Außergewöhnliches zu passieren. Auch
wenn ich daran rieche oder hineinbeiße,
bemerke ich keine Reaktion. Halte ich 
die runde Fläche an mein linkes Ohr und
reibe sie hin und her, entsteht ein
kratzendes Geräusch, das mich neugierig
gemacht hat. Darum habe ich den Haken 
mit der Öse an der Innenseite meines 
Ohres befestigt. Plötzlich war ich in
der Lage, eine fremde Sprache zu hören.
Das rote Ding scheint ein Empfänger zu 
sein und übersetzt die empfangenen 
Signale in Worte. Aber offenbar werden
die Signale, die von den Aliens kommen,
in eine Sprache übersetzt, die ich nicht 
verstehen kann, denn sonst würde ich ja
etwas verstehen. Was aber nicht der Fall
ist. Ich verstehe nur Bahnhof. Darum 
möchte ich die Aliens um eine Aufgabe 
bitten, die ich lösen kann, um die 
Menschheit zu retten. In welcher Sprache 
ich die Bitte äußern kann, weiß ich aber
nicht. 

Boshafte Berta

Boshafte Berta
*
Schon in Kindertagen entpuppte 
sich Berta als boshafte Teufelin. 
Sie quälte ihre Spielgefährten
und traktierte in der Schule im
Handarbeitsunterricht die
anderen Kinder mit Stricknadeln,
die sie zuvor an Kerzen erhitzt
hatte. Mitten im dritten 
Schuljahr wurde sie der Schule
verwiesen und bekam ab da 
Unterricht bei einem Hauslehrer,
der mit strenger Hand versuchte,
das bösartige Kind zu bändigen.
Der Versuch scheiterte, weil Herr
Schlaumeier nach drei Monaten
weinend das Haus verließ und sich
schwor, es nie wieder zu betreten.
Erst als Anna Montessori in 
Bertas Leben trat, wendete sich 
das Blatt. Anna, eine ehemalige 
Waldorfschülerin, hatte an der 
Mahatma-Gandhi-Universität in 
Göttingen "Angewandte Empathie" 
studiert. Ihre Doktorarbeit 
über "Psychische Deformationen 
amerikanischer Präsidenten" 
ermöglichte es ihr, sich 
gedanklich und emotional in 
problematische 
Persönlichkeiten hineinzufühlen.

Anna bemerkte die stillen 
Tränen in Bertas Augenwinkeln 
und die versteiften Schultern, 
wenn bestimmte Themen zur 
Sprache kamen. Stück für Stück 
erkannte sie die traumatischen 
Erfahrungen, die Bertas 
auffälliges Verhalten bedingten. 
Sobald dieser Knoten gelöst war, 
blühte Berta auf und verwandelte 
sich in ein intelligentes, 
wissbegieriges Kind.
Anna bereitete sie darauf vor, 
das Abitur an einer staatlichen 
Schule abzulegen, und später 
promovierte Berta als jüngste 
Studentin an der Universität 
Hohenheim in den Fächern 
Psychologie, Philosophie und 
Informatik. In späteren Jahren 
wurde Berta für ihre 
bahnbrechenden Bücher über 
"Die Entstehung psychischer 
Erkrankungen von Männern in 
gehobenen Positionen" mit 
dem Friedenspreis des 
Deutschen Buchhandels 
ausgezeichnet. Ihre Werke 
führten zu einer Revolution, 
bei der schließlich nur 
noch Frauen in 
Regierungsämter gewählt 
wurden.

Nephologisch

Nephologisch
*
Eine Liebesbeziehung 
zu Wolken,
voller Tropfen aus 
plätscherndem Glück.
Haben wir sie 
ausgiebig gemolken,
bringen sie uns 
den Regen zurück.
So können die 
Pflanzen sich holen,
was die Sonne 
arglistig gestohlen
und ihnen an 
Feuchte entzogen hat.
Der Boden trinkt sich 
so ausgiebig satt,
dass die Bächlein 
lebendig frisch fließen
und die Pflanzen 
auf Wiesen ersprießen.
Wir werden dann 
alle so fröhlich sein,
weil die Welt 
wieder strahlt 
in dem 
sonnigen Schein
einer wohltätig 
leuchtenden Sonne
in frühlingsbewirkender 
Wonne.
 

Entspannung

Entspannung
*
Er sollte üben, 
loszulassen,
da fiel der Stein 
auf seinen Fuß.
Später riet man ihm,
zuzufassen.
da fehlte ihm die
Kraft zum Gruß.
Denn wer sich
allzu oft entspannt,
hat leider viel
zu spät erkannt,
was manche Weisheit 
klar verspricht:
ausbalanciertes 
Gleichgewicht.

Das Pizza-Debakel

Das Pizza-Debakel
*
Heut' backe ich 
mit Leidenschaft
Gemüsepizza, 
denn die Kraft,
die mich für meinen 
Alltag stärkt,
wirkt tief im Bauch, 
ganz unbemerkt.
Doch gleich am Anfang 
kommt die Wut.
Der Teig gerät mir 
gar nicht gut.
Zu weich zuerst 
und dann zu fest,
das Mehl verklumpt, 
gibt ihm den Rest.
Trotzdem roll' ich 
ihn mutig aus.
Dann reißt er ein 
- oh welch ein Graus!
Tomatensoße 
kommt ins Spiel,
sie läuft dahin, 
ganz ohne Ziel.
Der Käse klumpt und 
schmilzt nicht recht,
die Wurst war alt – 
oh, mir wird schlecht!
Noch Pilze d'rauf 
- die Pizza fällt
auf meinen Schuh 
- wie hingestellt.
Ab in den Ofen 
– heiß die Glut,
Vielleicht jetzt doch 
zum Pizza-Hut?
Ich überlege, 
doch zu lang,
der Rand verbrannt, 
der Käse stramm!
Mit Kummer und 
mit leerem Blick,
probier ich das 
missrat'ne Stück.
Ein Biss, ein Knirschen, 
Frustration.
Hungrig greif' ich 
zum Telefon.

Glattgebügelt

Glattgebügelt
*
Zerknitterte Hosen, 
vom Alltag gezeichnet,
erwarten voll Sehnsucht 
die glättende Hand.
Sie träumen von Dampf 
und von heißer Berührung,
vom Streichen des Eisens, 
das sie sanft entspannt.

Nun liegen sie stolz, 
ohne Makel geplättet,
gestreckt wie ein Blatt 
und vollendet gedehnt.
Kein Knick mehr zu sehen, 
von Falten gerettet
befreit von dem Knitter, 
für den man sich schämt

Denn was gibt es Schöneres 
auf dieser Erden
als von heißen Eisen 
gebügelt zu werden?

Gezähmt

Gezähmt
*
Ein Pfannkuchen, der sich 
entsetzlich geniert,
wird in einer stählernen 
Pfanne dressiert.
Er war erst nur Mehl, 
etwas Milch und drei Eier,
von mir dann verrührt 
für die kommende Feier.
Der Teig war erst klumpig, 
dann schleimig und pampig.
Er schimpfte mich "Grobian", 
nannte mich schlampig.
Da hab' ich es ihm 
mit der Kelle gegeben.
Das weichte ihn auf, 
denn er liebte sein Leben.
Ich tropfte den Teig 
aus der Kochlöffelwanne
hinab in die knisternde, 
glutheiße Pfanne.
Er schwimmt in dem 
brodelnden, spritzenden Fett,
wird knusprig gebacken, 
goldbraun und adrett.
Er duftet so süß nach 
der Milch und den Eiern,
doch nach dieser Zähmung 
gilt es, mich zu feiern.
Denn ich hab' den 
bockigen Fladen gezähmt
und freu mich darüber, 
auch wenn er sich schämt.