Ameisentraum

Eine Ameise, die sich nicht sattfressen konnte
an den Blättern meiner Rose auf dem Balkon,
kriecht über das weiße Blatt, 
auf das ich mein Gedicht geschrieben habe.

Sie tastet mit ihren Ameisenfühlern
hin und her zwischen den schwarzen Schnörkeln
und dem leeren Weiß.
Sie inspiziert jeden Buchstaben mit dem 
ihr eigenen Versuch des Verstehenwollens,
ohne etwas von der Gedankenmühle zu ahnen,
die diese Poesie gemahlen hat.
Neugierig schnüffelt sie an Größe und Form des Geschriebenen,
um etwas Essbares oder sonst wie Verwertbares zu finden.
Dann stolpert sie über den Rand des Notizblocks,
nachdem sie den Wert meiner Dichtung für nicht nützlich befunden hat,
zurück in ihre eigene unheimliche Welt
aus Steinen, Unkraut, Gras und Sonnenschatten,
wo sie ihre eigenen Träume von Samenkörnern träumt,
die sie in ihre Erdhöhle tragen könnte,
um davon zu leben.
Veröffentlicht in Texte.