Er war für mich unentbehrlich

Er war für mich unentbehrlich.
Ich vermisse ihn ganz ehrlich.
Tag für Tag war er bei mir
und ich danke ihm dafür.
Plötzlich ist er weggeblieben.
Kann er mich nicht länger lieben?
Hat er was an mir entdeckt,
was ihn ärgert und erschreckt?
Hat jemand ihn abgefangen?
Wie kann ich zu ihm gelangen?
Dieben biete ich die Stirn!
Komm zurück, mein Regenschirm!

Die Stille

Die Stille
- ein Abgrund, in den ich oft schaue.
Die Stille
- ein Raum, dem ich endlos vertraue.
Die Stille
- ein Tuch, das mich trostspendend wärmt.
Die Stille
- erfrischt mich, wenn ich mal verhärmt.
Die Stille
- ein Friede, den ich in der Seele
mir heimlich in einsamen Stunden gewebt.
Die Stille
- ist Kraft, die mich stärkend belebt.

 

Sie kaufte sich mal ein Regal

Sie kaufte sich mal ein Regal.
Das war aber etwas zu schmal.
Dann stellte sie etwas hinein.
Das Etwas war aber zu klein.
Sie machte das Kleine kurz Groß
und gab diesem dann einen Stoß.
Das nun große Etwas fiel tief,
weshalb es "Gerechtigkeit!" rief. 
Doch als die Gerechtigkeit kam,
überkam dieses Etwas die Scham.
Es errötete schnell und verließ
das Ikea-Regalparadies.

Kettensägengedicht

Kettensägen schneiden Äste
und zerfleischen Holzwurmreste.
Sie zerhacken die Natur
und sie zeichnen eine Spur
hinterlistiger Zerstörung.
Sie verursachen Empörung,
weil die Träume
all der Bäume,
die sich in den Rinden
finden,
allesamt verloren sind.
Schon verkündet jedes Kind:
"Sägespäne. Abfallhaufen.
Diese Sache ist gelaufen.
Wir haben den Wald verschrottet, 
und uns damit ausgerottet.
Ohne Schutz vor Sonnenlicht
überleben wir es nicht."


Wenn die bösen Buben dösen

Wenn die bösen Buben dösen,
können wir Probleme lösen,
weil wir diese Missetäter
(besser früher noch als später)
so lang an den Zehen kitzeln,
bis sie lachen wie ein Kind.
Doch erst müssen wir bespitzeln,
ob sie dort empfindlich sind.
Danach sollte es gelingen,
dass wir sie zum Lachen bringen.
Und dem schlimmsten Bösewicht
springt ein Lächeln ins Gesicht. 

Gott gab mir einen Körper

Gott gab mir einen Körper.
Doch ich weiß nicht, wozu.
Er gab ihn mir zum Tanzen.
Doch ich will meine Ruh!
Mein Körper möchte springen
und sich im Kreise dreh'n.
Ich will vor allen Dingen
gern auf mein Sofa geh'n.
Mein Körper will gern sausen
und um die Wette rennen.
Woher hat er die Flausen?
Ich will am liebsten pennen.
Gott hat mir diesen Körper
als Aufgabe geschickt.
Ich sollte von ihm lernen.
Doch ich bin eingenickt.

Die Welt erbebt zutiefst in ihren Festen

Die Welt erbebt zutiefst in ihren Festen,
entfesselt ihre Kraft und wütet hart.
Sie will die Menschen durch ihr Wüten testen.
Doch tief im Herzen ist sie wahrhaft zart.
Sie ist bestrebt, die neue Zeit zu gründen,
die keinen Haß und keinen Streit mehr kennt.
Befreit die Menschheit von begang'nen Sünden,
und bleibt standhaft in ihrem Element.
Die Liebe ist dies Element und strahlt
in vollem Glanz, wie auf ein Bild gemalt.
So lasst uns lernen, selbst Licht auszusenden,
um so der Welt Liebe zurück zu spenden,
damit wir einer Zeit entgegenschreiten,
in der wir jenen Boden vorbereiten
für eine Welt, in der ein jedes Wesen
sich selbst erkennt und in den and'ren lesen
kann, was uns alle immer tief berührt
und uns wohlwollend in die Zukunft führt.
*
Auch dieser Impuls kam von Rainer Maria Rilke
*
Ich liebe

Nun mag die Welt in ihren Festen beben,
entfesselt wüten mag das Element; -
denn eine neue Ära tritt ins Leben,
die keinen Haß und keinen Streit mehr kennt!
Durch meine Seele ziehts mit Zauberweben
o! wie's im Herzen glückverheißend brennt!
Die Pulse fliegen mir, die Lippen beben,
ich fühls, das ist es, was sich >Liebe< nennt!
Und möge alles rings in nichts versinken,
ich lebe und der Liebe Sterne winken!

(Rainer Maria Rilke, 1875-1926, österreichischer Lyriker und Schriftsteller)

Ich trage mein Licht oft spazieren

Ich trage mein Licht durch die Tage spazieren.
Doch keiner kann jemals das Leuchtende seh'n.
Ich könnte das Leuchten auch keinem erklären,
denn ich weiß, es würde noch niemand versteh'n.
So leuchte ich heimlich für mich nur im Stillen
und bin so der Schöpfung als Diener zu Willen,
damit alle Wesen am Ende erkennen,
warum wir das Leben gern schöpferisch nennen.

Tropfen krachen flach aufs Dach

Warum macht der Regen Krach?
Tropfen krachen flach aufs Dach.
Ich muss auf das Klopfen hören
und will mich deshalb empören.
"Warum Regen jetzt grad klopft
und mir Tropfenzapfen zopft?"
Weshalb hat er das verzapft
und kommt tropfend angestapft?
Tropfen sind erst abgeplatscht
und dann auf den Tisch geklatscht.
Dort nahm ich sie in die Hand,
weil ich sie noch nicht verstand.
Doch Verständnis sickert ein.
Viel zu spät nur. Wie gemein!
Denn ich werde blass und blasser,
sitze frierend unter Wasser.
Weil die Welt sich kühlen will,
hat sie sich mit Nass bedeckt.
Sie wird kühler, und ganz still
zeigt sie uns, was in ihr steckt.


Nachgedichtet (Herbststimmung von R.M.Rilke)


In meinem Sterbezimmer ist die Luft noch lau.
Sie steht fast still und ich weiß ganz genau,
dass ich verlöschen werde wie die blasse Kerze
und all das, was noch blieb, sehr gern verschmerze.

Das Regenwasser will, sanft röchelnd, jetzt verrinnen
und in der Tiefe meines Herzens, dort ganz innen,
halte ich einen Rückblick und mach Leichenschau.
Die Haut ist welk geworden und die Haare grau.

Ich bin nicht immer so ein alter Mann gewesen.
Das geht wohl allen so, hab ich einmal gelesen,
weil ja für jedermann die Zeit stets weiterschreitet.
Wie einen Plan hab ich mein Leben ausgebreitet

und kann die Räume alle vor mir sehen,
die ich passierte, einfach so, beim Gehen. 
Ich will nicht traurig sein, denn so viel Glück,
kam zu mir, ging und kam nicht mehr zurück.

Ich bin so dankbar, dass dies alles bei mir war
und fand mein Leben einfach wunderbar.
Sogar die vielen, kummervollen, dunklen Stunden,
halfen der kranken Seele zu gesunden

und frei zu werden von dem alten Ich.
Es erst zu bauen, musste sicherlich
ganz wichtig sein, um in der Welt zu leben.
Nun bin ich froh, es wieder herzugeben.

Hingebungsvoll will ich ins Nichts zerfließen
und niemals mehr wird etwas mich verdrießen.

*

Der Impuls zu diesem Gedicht kam von Rainer Maria Rilke:
Herbststimmung

Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer, 
an dessen Türe schon der Tod steht still; 
auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer, 
wie der der Kerze, die verlöschen will.

Das Regenwasser röchelt in den Rinnen, 
der matte Wind hält Blätterleichenschau; - 
und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen 
ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)